Ein langer Weg zum Bouclé

Foto 1-6 KopieBouclé (franz.) bedeutet Schlinge, Kreis, Schleife. Es bezeichnet einen Garntyp der lauter kleine Schlingen beinhaltet, die später ein ganz typisches Strickbild ergibt, bei dem die kleinen Schlingen auf den Maschen aufsitzen, sie dabei ein wenig verdecken und wie viele kleine Haarlöckchen aussehen. Mich erinnert solch ein Stickstück immer ein wenig an ein kleines gelocktes Lamm. Doch der Weg zu einem handgesponnenem Bouclé ist wirklich nicht kurz und einfach.

Seit ich das erste mal „Spin Art“ von Jacey Boggs, indem sie auch das Bouclé beschreibt, gelesen hatte, wollte ich diesen Typ natürlich gleich mal ausprobieren. Doch der erste Versuch war mäßig erfolgreich. Er war völlig umbalanciert und die Schlaufen waren alles andere, nur keine kleine Kreise. Heute, 2 Jahre und einige Versuche später,  ist ein einigermaßen gut aufgebautes Bouclé entstanden, welches aber immer noch nicht perfekt ist. Warum das so ist und was ich von einem perfekten Bouclé erwarte versuche ich hier in einem Beitrag zusammen zu fassen.

Doch bevor ich das versuche möchte ich noch eines los werden, was mir sehr am Herzen liegt. Bouclé ist ein Garn, dass zeigt wie sehr traditionelles Spinnen und art-spinning  von einander profitieren und nicht es eine Frage der „Spinnphilosophie“ ist, welchem Lager man angehört. Jacey Boggs hatte in einem Interview mal gesagt, dass ihre Techniken im traditionellem Spinnen vom art-spinning  profitierten und umgekehrt. Nach nun diesen zwei Jahren intensiven Auseinandersetzen mit der Konstruktion der Garnen, kann ich dem nur bei pflichten. Ich denke ich habe beides fast 50/50 praktiziert und immer wieder in Schüben abgewechselt und jedesmal habe ich dazu gelernt. Beim art-spinning sollte man sehr gut überlegen, wie das Garn aufgebaut wird. Wo kommt die Stabilität her, wie werden die Effekte fixiert und wie viel Drall kommt in welche Richtung in das Garn. Beim traditionellem Spinnen sollten Fasereigenschaften die Technik bestimmen, die dann gut kontrolliert aus geführt wird, um ein möglichst ebenmäßiges, also beherrschtes Garn zu produzieren. Das Bouclé braucht definitiv beides.

Und so geht es:

Foto 4Es werden 3 Singles gesponnen, die sich in stärke, Drall, Richtung und Länge unterscheiden. Also eigentlich in allen Faktoren ;-). Diese werden in 2 Schritten verzwirnt. Im ersten Zwirnschritt, wird der eine Single um den anderen kerngesponnen, wobei die Schlingen erzeugt werden. Im zweiten Zwirnschritt werden diese Schlingen mit einem dritten Single an Ort und Stelle fixiert. Hier gibt es zwei große Hürden. Hürde eins sind die Schlingen. Sie sollten kreisrund sein und es auch im Verlauf des Spinnens bleiben. Hürde zwei stellt die Garnbalance dar. Es muss gut überdacht werden, in welchen Single wieviel Drall gegeben wird, sodass sich am Ende alle Drallmengen gegenseitig aufheben und das Garn balanciert und stabil hängt.

Um das Ganze zu veranschaulichen habe ich euch ein paar Skizzen gezeichnet.

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Insgesamt sind also 3 Singles benötigt. Single a) dient als Kerngarn. Es sollte wirklich unterdreht sein. Deshalb sind auch lange Fasern von Vorteil, denn sie benötigen weniger Drall, um im Single zusammen zu halten. Dieser Single kann auch etwas dicker als der Single b) werden. Warum das so ist wird später deutlich. Single b) ist nun also jener Faden, der später die Schlaufen bilden soll. Deshalb wird auch eine größere Lauflänge benötigt. Ich rechne mit etwa der dreifachen Menge. Doch das hängt von der Menge an Schlaufen ab und variiert nach Belieben. Dieser Single kommt besonders mit flauschigen Fasern wie Angora oder Kaschmir zur Geltung, die sich im Zwirnen öffnen und hautschmeichelnde Schlaufen erzeugen werden. Single c) dient im zweiten Zwirnen dem Fixieren der Schlaufen. Er kann dünn oder auch industriell gesponnen sein. Er muss aber auf jeden Fall mit der richtigen Menge an Drall vorgedreht werden. Außerdem muss noch die Spinnrichtung bedacht werden. a) und c) werden in die gleiche Richtung gesponnen und b) in die andere Richtung. Welche Richtungen es sind, ist letztlich egal, das Verhältnis zu einander ist nur wichtig. Zuletzt müssen die Mengen an Drall beachtet werden. a) muss interdreht sein, b) muss leicht überdreht sein und c) soll normal sein. Leider ist dieser Punkt eine Sache der Übung und des Feelings. Jeder wird mit leicht variierenden Drallmengen spinnen und sich wohl fühlen. Diese Mengen müssen am Ende einfach zu einander stimmen, so dass das Garn balanciert ist.

boucle3

Nun geht es an die Schlaufen. Dazu werden die beiden Einzelfäden mit unterschiedlicher Fadenspannung gezwirnt. a) wird fest angezogen und unter Spannung gehalten und somit handelt es schon ums corespinning. b) wird sehr locker in einem ca 45° Winkel aufgesponnen. Der Winkel spielt durchaus eine Rolle. ER bestimmt die Wraps pro Länge l (sei es inch oder cm, der Einfachheit spreche ich nur von l ohne Einheit). Die Anzahl der Wraps bestimmt weiter über die Menge an Drall, also der Umdrehungen oder Twists pro l. Und dies muss vorher im Hinterkopf behalten werden. Es muss nicht unbedingt gemessen oder gezählt werden, sondern einfach nur bedacht: Soll das Garn eher eng gezwirnt werden oder eher weit? Und dem entsprechend viel oder wenig Drall muss in den Single b) gegeben werden.

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Das Zwirnen geschieht in die gleiche Richtung in der auch der Kernfaden a) gesponnen wurde. So addiert sich der Drall aus Schritt 1 und 2 im Kernfaden auf und dieser wird von einem unterdrehten Faden zu einem mit normalem Drall. Der Faden b) hingegen verliert seinen Drall, denn er wurde ja in die Gegenrichtung gesponnen. Da durch das corespinning und die Loops mehr wraps auf dem Kerngarn landen als bei normalen Zwirnen, wird auch mehr Drall im Single b) benötig ohne, dass dieser sich auflöst und die Substanz beim Zwirnen verliert. Das ähnelt dem Zwirnen der Supercoils, bei denen der Single ebenfalls überdreht sein muss, um gut geformte coils zu erreichen. So ergibt es sich, dass sich unterschiedliche Mengen an Drall in den beiden Einzelfäden gelangen, obwohl es sich um einen Arbeitsschritt handelt. In der Skizze links wurde das mit „mehr“  verzeichnet. Und nochmal: das Mehr ergibt sich aus der Menge an Schlaufen die entstehen sollen und dem Abstand Wraps zueinander. Beides ergibt die Menge an Wraps, die auf einem Abschnitt l des Kerngarnes landen. Unter dem Strich ergibt es dann ein balancierten Single b) auf einem normal gedrehten Kerngarn a).

Um das ganze noch etwas komplizierter zu machen, bringe ich noch den Faktor Fadenstärke ins Spiel. In einem Satz gepackt: Je dicker der Faden desto weniger Drall pro Abschnitt. Warum ist das wichtig? Wir müssen uns vorher bewusst machen, wie dick die beteiligten Fäden sind, um die richtige Menge an Drall rein zu geben. Anders als bei normalen Zwirngarnen, lässt es sich währen dem Spinnen des Einzelfadens nicht durch „Selbstverdrehung“ checken, wie der Zwirn aussehen wird und ob der Drall passt. Bouclé entsteht eben in zwei Zwirnschritten und mit unterschiedlichen Drehrichtungen. Daher liegt in den Zwischenschritten ein äußerst umbalancierter Faden vor und es muss zu Beginn zwei statt ein weitere Schritt vorgeplant werden. Deshalb kommt hier nochmal ein kleiner Exkurs in Sachen wraps pro Abschnitt. Wraps ist hier beim Zwirnen automatisch gleichbedeutend mit Drall/Twist.

boucle9Die nebenstehende Skizze zeigt, dass je dünner die Fäden sind, desto mehr Drall und Wraps ergeben sich auf die gleichen Länge eines Abschnittes. Genau das gleiche passiert ja auch beim Spinnen von Einzelfäden. Je dünner, desto mehr Drall sammelt sich. So funktionieren ja auch Tick `n´thins. Hat man zwei unterschiedliche Stärken der zu verzwirnenden Fäden, gilt das gleiche: kommt ein dünner Faden als 2. Faden hinzu, passen mehr wraps in den Abschnitt. Wird nun ein Faden straff gehalten und es kommt zum corespinning, so gilt dies im Prinzip weiterhin bei gleichen Zwirnwinkel. Wenn jetzt auch noch der Winkel größer angelegt sitzen die wraps enger und es wird noch mehr Drall in den Kern gegeben.

boucle10

Sicherlich braucht der Kern eines normeln Kerngarn immer einen Hauch mehr Drall vor dem Zwirnen als der aufgezwirnte Single, da dieser die Stabilität garantiert. Wäre er exakt gleich gesponnen würde er beim zurückdrehen brechen. Doch das  spielt hier keine  Rolle, denn es ist kein normales Kerngarn, die Zwirnrichtung ist eine andere. Der ganze Punkt hierbei ist: Der unterdrehte Kern sollte so wenig wie möglich, aber soviel wie nötig an Drall abbekommen. Die Summe Drall die nun im Kerngarn steckt ist genau die Drallmenge, die wir im letzten Single c) benötigt wird. Vielleicht hilft es auch erst nach dem Schlaufen spinnen den letzten Single zu spinnen.

boucle4 Aber jetzt zu den Schlaufen: sie entstehen durch das Zusammenschieben der wraps. Wird der Single b) auf das Kerngarn ausgesponnen, so gleitet b) locker durch die Finger. Es befindet sich als praktisch keine Spannung auf dem Single, so dass die Wraps locker auf dem Kern sitzen, fast ein bisschen wie beim geführten autowrapping. Will man eine Schlaufe, so greift man an der Stelle, wo beide Einelfäden aufeinander treffen  ein und schiebt den vordersten wrap exakt einen wrap-Abstand nach hinten. So entsteht eine Schlaufe, deren Drall genau so groß ist ist, dass ein schöner Kreis stabil entsteht, aber zu wenig  Länge vorhanden ist, dass die Schlaufe beginnt sich um sich selbst zu drehen und der Kreis kringelt sich zusammen. Genau genommen sitzt der Punkt, an dem sich der Kreis kringeln würde genau dort, wo die beiden wraps auf der Unterseite zusammen treffen. Diesen Punkt nenne ich Kreuzungspunkt.

boucle5Und hier liegt für mich das entscheidende Kriterium, das zu einem perfekten Bouclé führt: die Kreise sind und bleiben auch durch den letzten Schritt hindurch als runde Kreise bestehen. Es sollen keine Schlaufen entstehen, die sich um sich selbst drehen, weil sie zu groß geworden sind. Es sollen auch keine Kreise sein, die auf dem Garn aufsitzen. Ein Kreis soll das Kerngarn umschließen. Das bedeutet, der Kreuzungspunkt liegt unterhalb des Kerngarnes.

boucle6

Anders ausgedrückt: das Kerngarn liegt IM Kreis. Sitzt der Kreis auf, dann befindet sich das Kerngarn außerhalb des Kreises und der Kreuzungspunkt liegt AUF dem Kerngarn. Wie kann das passieren? In dem der Schlaufe VOR dem Aufspannen durch „Selbstverdrehung“ des Singles b) entsteht und dann erst auf das Kerngarn ausgesponnen wird. So entstehen auch mehrfach um sich selbst gedrehte Schlaufen. Trick der geschlossenen Kreise ist, dass sie durch das Zusammenschieben zweier Wraps entstehen.

Das Ganze klingt jetzt mega kompliziert, ist es aber eigentlich nicht. Es ist einfach Übung und im Prozess wird schnell sichtbar, was ich meine. Ein Youtube-Video, das ich mal gefunden habe, zeigt wie easy das alles aussieht, hat man mal den Dreh raus.

 

boucle8

Zuletzt bleibt noch das Fixieren der Schlaufen. Das ist der zweite Zwirnschritt. ab) wird mit c)  in Gegenrichtung beider Fäden verzwirnt und letztlich balanciert. Hier bleibt nur noch eine einzige Hürde: die runden Kreise müssen erhalten bleiben. Hält man jetzt den ab)-Strang mit etwas Spannung fest, drehen sich nicht nur die Fasern des Kerngarnes auf, sondern auch der Verbund von a) und b) löst sich. Damit fallen die Kreise wieder auseinander. Entweder es entstehen diese Schlaufen die aufsitzen, oder die Kreise werden zu drei großen Wellen. Beides soll nicht passieren. Deshalb lasst den ab)-Strang einfach locker durch die Finger gleiten. Haltet ihn nicht fest, führt ihn nur in einem leichten Winkel auf c). c) hingegen wird zwar kein echter Kern, aber der wird doch mit mit einem Tick mehr Spannung in Zwirnposition gehalten. Auch dieser Schritt ist eine Frage des Feelings. In meinem Bouclé, dass ich euch zeigen werde, sind genau hier einige Kreise wieder aufgebrochen. Das kann nach all der vielen Arbeit, die bereits in einem Garn steckt ziemlich frustrierend werden.

boucle7Warum mir diese Kreise so wichtig sind zeigt die letze Skizze: Sind die Kreise rund und in regelmäßigen kleinen Abständen, dann erhaltet ihr ein Strickbild, dass diese Mini-Löckchen oder Schüppchen aufweisen und idealerweise genau auf einer Masche sitzen. Sind die Kreise aber unterschiedlich groß oder sind es einfach oder mehrfach verdrehte Schlaufen, dann ist der Effekt mit diesen Schüppchen dahin. Dann gibt es einfach nur heterogene Schlaufen. Sicherlich hat das auch seinen Charme. Ein typisches Bouclé ist es aber nicht mehr. Und genau das mach diesen Garntyp so irre schwierig zu spinnen. Die Einzelfäden sollten zudem extrem gleichmäßig sein, damit der Drall berechenbar bleibt.

So, und nach dieser vielen Theorie noch einige Bilder wie es NICHT aussehen sollte:

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Versuch 1: Hier sind die wraps viel zu eng, dadurch wurde das Garn total überdreht (auf dem Bild wurden die Fäden festgehalten). Dann ist alles andere zu sehen, als runde Schlaufen. Es sind Knüppel, die von einem völlig überdrehten Single b) herrühren.

 

 

Foto 3-10

Versuch 2: Hier wurde ein Merinosingle b) gesponnen und auf einem industrielles Konengarn ausgesponnen. Zunächst kamen kleine Kreise zustanden. Aber als ich den letzten Schritt mit wieder mit einem Konengarn zwirnte passte gar nichts mehr.

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Einmal verdrehten sich die Kreise zu mehrfach verdrehten Schlaufen. Und dann war das Garn völlig umbalanciert. Grund waren die nicht vorgedrehten Konengarne.  Die Rechnung: Drall in die eine Richtung in Schritt 2 und Drall in die andere Richtung in Schritt 3 zu Balance in der Summe, ging nicht auf.

Foto 3-9

Grund sind die unterschiedlichen Mengen an Drall und die Dünne des Kernes, der einfach nicht genug Stabilität für den Single b), der wesentlich dicker als der Kern war, bot. Das Ergebnis was ein fehlender Verbund. Das Garn ist nicht nur umbalanciert, sondern auch der Verbund löst sich, da unterschiedliche Drallmengen wirksam sind und sich gegenseitig stören.

Foto 1-10

 

Versuch 3:

Hier wurden handgesponnene Singles a) und b) verwendet. Alles passt bis es zum letzten Schritt kam. Ich versuchte im ersten Bild ein Konengarn, das nicht vorgedreht wurde. Das Ergebnis ist unbalanciert.

Foto 2-10

Dann habe ich auch das Konengarn vorgedreht und im zweiten Bild sieht man ein FAST balanciertes Garn. Nur noch an manchen Stellen löst sich der Verbund. Hier fehlt es noch am letzten Feeling, ein bisschen Drall hier und ein bisschen weniger Spannung dort. Auch die Kreise haben sich hier noch nicht stabil in Form gehalten.

 

Foto 2-11

Im letzten Versuch hat fast alles geklappt. Das Garn ist absolut balanciert. Die Spannungen passen an jeder Stelle und das Garn hängt in entspannten Bögen. Auch die Kreise haben sich fast überall in Form gehalten. Nur noch hier und dort musste die Spannung im letzten Zwirnschritt angepasst werden. Dort haben sich die Kreise einmal verdreht und AUF den Kern gelegt anstatt ihn zu umschließen (Bild links).

Zu guter Letzt noch die Bilder des geglückten Teils:

Das Garn besteht aus kartierten Gotlandlammlocken. Im Single b) wurden Sariseidenfasern in Blautönen und ein wenig weißes Ramie beigemischt. Fixiert wurde mit einem grauen Konengarn.

Foto 1-11Foto 2-6Foto 5

 

 

 

 

 

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4 Gedanken zu „Ein langer Weg zum Bouclé“

  1. Ja, echt krass, ich komme jetzt grad auch gar nicht mit, das muß ich mir in Ruhe nochmal zu Gemüte führen…wäre als Buchinhalt super 😉 Da kannst Du also echt stolz auf Dich sein. Hammer!

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