Warum denn deutsche Öko-Wolle?

merino_sheep_largeÖko-Wolle oder Bio-Wolle ist in erster Linie eine ethische Entscheidung. Tierschutz ist ein großes Thema in Sachen Wolle, denn wer es kuschelig mag, wird sich mit australischer oder neuseeländischer Merinowolle beschäftigen müssen. Es ist sogar so, dass das Label „Merino“ bei Bekleidungsprodukten, besonders bei Outdoorbekleidung ein Qualitätsprädikat ist. Merino ist natürlich, es macht einen zu einem Naturburschen und allen voran, es hat die tollen Eigenschaften der Wolle, die im Outdoorsport nun wirklich zum tragen kommen. Also, Merino-Wandersocken oder Merino-Trekkingshirts sind toll, oder?

Leider ist es nicht so einfach. Merino wird meistens aus Neuseeland und Australien importiert und das betrifft nun nicht nur die Wanderfans, sondern auch uns Spinner und Stricker. Die Fasern aus diesen Regionen sind  besonders fein und damit weich. Es gibt natürlich auch europäische und deutsche Merinoschafe, doch deren Wolle ist nicht so weich, wie die südländischen Verwandten. Und genau da liegt das Problem, möchte man die Wolle oder die Wollprodukte mal verkaufen. Die Weichheit ist bei Nicht-Woll-Nerds DAS Kriterium bei der Bewertung der Produkte. Wie oft höre ich beim Feedback: Oh… ist das weich und kuschelig, tolle Wolle! Ja klar, aber das hat einen Preis, einen ethischen Preis.

WearWoolMues10Neuseelandwolle und Australische Wolle ist immer mit dem Thema des Tierschutzes, genauer mit dem Thema des Mulesings verbunden. Mulesing bedeutet, ganz einfach beschrieben, das Abschneiden der Schwänze und Pobacken der Lämmer. Dazu werden sie auf Vorrichtungen mit den Po nach oben geklemmt und dann kommt das Messer. Wer hart im Nehmen ist, kann den Begriff bei Youtube eingeben und sich das Vorgehen ansehen. Der Hintergrund ist sind Fliegen, die ihre Larven in die Hautfalten der Tiere legen. Das ist natürlich ein Problem für die Tiere und muss behandelt werden. Das Problem ist mehrschichtig. Zum Einen hängt es mit der Züchtung der Merino zusammen, die zu Gunsten des Wollertrags so gezüchtet wurden, dass sie eine besonders große Hautfläche haben, die dann zu diesen Hautfalten führt. Hier sammeln sich auch Urin und Schweiß und führen ebenfalls zu gesundheitlichen Problemen. Zum Anderen hängt es mit dem Klima in den beiden Ländern zusammen, die das Vorkommen dieser Fliege ermöglicht. Deshalb ist es eine Möglichkeit, die Merinofasern aus Ländern zu beziehen, die einfach ein anderes Klima haben und damit kein Fliegenproblem. Eine Alternative ist Südamerika, meistens Argentinien, wo auch ich meine Wolle beziehe, die den kuschelbedürftigen Kunden glücklich machen kann.

Selbstverständlich sind auch Initiativen für den Tierschutz angesagt. Und hier spielt nicht nur das Mulesing eine Rolle. Wer mehr darüber erfahren möchte, kann das unter anderem bei PETA tun. Doch der Konsum ist auch eine Möglichkeit der Einflussnahme, die nun wirklich jeder hat.

duckworth_gravelly_mountains_2Wer sich darüber informieren möchte, wird hier und da Labels finden, die auf solche Fragen eingehen und versuchen eine Ethische Wolle zu vermarkten, sodass auch solche Produkte auf dem Markt zu finden sind. Es kostet etwas Mühe und Zeit, diese Produkte zu finden und sie kosten – zu Recht – mehr Gelt und schränken die Auswahl und den schnellen Konsum ein. Hier sei auf einen anderen Blog verwiesen, der ein solches Laben vorstellt. Eine andere rein deutsche Outdoor-Marke ist Mufflon, die ich schon unter Extrembedingungen tragen konnte.

Aber als Spinner möchte ich wieder auf unsere regionale Wolle hinweisen. Sie hat mehrere Vorteile: Einer ist, dass es das wie diese Fliege nicht haben. Ein weiterer Vorteil ist, dass sie regional ist und damit nicht über weite Strecken importiert werden muss und somit umweltfreundlicher ist. Geringerer logistischer Aufwand, bedeutet weniger globale Energieverschwendung.

Foto-4Zwei weitere, für mich sehr entscheidende Argumente sind die: ein regionaler kleiner Hof oder gar Hobbyzüchter muss, so oder so seine Wolle loswerden. Schon alleine, damit seine Tiere keinen Hitzschlag bekommen. Oft gibt es Engpässe bei den Scherern und ist die Wolle runter, dann wissen Viele nicht wohin damit. Verkaufen geht so ohne weiteres nicht, keiner bekommt mehr einen angemessenen Preis (hier sei wieder auf die Großfarmen und Importe quer durch die Welt verwiesen) und wer zahlt den Aufwand des Waschens und Kardierens in einer Kardiererei. Sicherlich gibt es Sammelstellen, doch das sind die Sorgen, die mir die privaten Schafhalter und Hobbyzüchter berichten. Der Aufwand und die fehlende Entlohnung ist das Thema. Also wandert die Wolle auf den Müll oder wird verbrannt. Für mich beginnt genau hier die schmerzliche Geringschätzung der Gaben der Natur und der Tiere. Sie liegt nicht bei den Schäfern, sondern in unserem System der Wollvermarktung und letztlich in unserem Konsum.

Foto-2Das andere Argument ist, dass ich jederzeit diese Höfe besuchen kann und die Tiere dort sehe. Und ich sehe (bei jenen, die ich kenne), Schafnerds, die ihre 3-8 Tiere lieben. Ich sehe Kleinstherden und Halter, die ihre Tiere mit Homöopathie vor der Schur beruhigen. Von Homöopathie kann man nun halten was man will, es ist aber ein Ausdruck der liebevollen Haltung. Sicherlich gibt es auch andere Halter, die ebenfalls den Tierschutz verletzen, doch das kann ich mir ja ansehen. Ich muss mich nicht auf das Wort von Großhändlern verlassen, die auch kaum zu jedem einzelnen Hof reisen können, dessen Voll irgendwann bei ihnen landet. Und zuletzt gibt es noch die Bio-Halter. Für mich persönlich ist zertifiziertes Bio genauso gut, wie jene Hobbyhalter, die ihren Tieren Globuli verabreichen, denn in beiden Fällen findet der maximale Tierschutz statt, sei es aus Liebe zu den 3 Tieren oder sei es um die Bio-Richtlinien zu erfüllen.

80237778-w-600Wo liegt also nun das Problem mit dieser Wolle? Das Problem ist, dass sie kratzen kann. Ein weiteres Problem gibt es eigentlich nicht. Deutsche Wolle ist auf Grund unserer Klimazone anders beschaffen als südländische Wolle. Selbstverständlich geht es dabei nicht nur um deutsche Merinowolle, sondern auch um andere Schafrassen, wie der Coburger Fuchs oder Milch- oder Fleischschafmischungen. Sie alle sind robuster und etwas krauser. Das erzeugt auf der Haut später das Gefühl der Killerns. Und das macht sie leider für dem Mainstream-Markt schwer verkäuflich.

Ich möchte sie aber trotzdem nutzen und verarbeiten. Ich hoffe daher auf eine kleine Zielgruppe von Wollliebhabern, die einerseits etwas Killern auf der Haut ertragen können und andererseits, die ethischen Vorzüge bewusst fördern wollen. Glücklicherweise wächst das Bewusstsein für Regionalist und Bio, sodass ich hier und da schon Nachfragen nach solchen Produkten bekommen habe. Diesen Nachfragen möchte ich nun nachkommen.

Foto-3Für uns Spinner bedeutet es aber, dass wir unsere Spinntechnik an diese Fasern anpassen müssen. Es ist ja das altbekannte Spiel: Die Faser bestimmt die Technik und dann Garntyp. Es ist nicht möglich ein schönes Ergebnis zu bekommen wenn ich eine Seidenfaser in Rolags packe und sie mit dem langen Auszug zu einem Streichgarn verspinnen möchte. Logisch, oder? Und so ist es nicht möglich bestimmte Regio-Fasern zu kämmen und mit dem kurzen Auszug zu einem glatten Kammgarn zu verspinnen. Das Ergebnis wäre ein hartes und kratziges Garn, dass am ehesten zum Teppichweben geeignet wäre. Dagegen spricht natürlich nichts, solange es nicht zu einer Mütze werden soll, die später mal einen Dawanda-Kunden glücklich machen soll.

Um das Wie und Was geht soll es im nächsten Post gehen. Da möchte ich zeigen, wie es mir mit meiner Demeter zertifizierten fränkischen Wolle geht, die von einem Musterhof aus meiner alten Heimat stammt und alles erfüllt, was mein Öko-Herz wünscht.

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4 Gedanken zu „Warum denn deutsche Öko-Wolle?“

  1. man könnte so viel mehr für die tiere tun:
    ein blogger-freund (auch veganer und ein wahrer tierfreund) hatte mich darauf hingewiesen, dass nicht nur meine tiere auf meinem cortijo über mein veganes leben glücklich sind, sondern weltweit etwa 58 milliarden tieren meine entscheidung gefällt.

    versucht es doch auch einmal, ohne fleisch zu überleben. wenn ich das geschafft habe, dann kann dies jeder. auf die veganen fleischersatzprodukte verzichte ich komplett, solche angebote (bio, vegan oder vegetarisch) gibt es hier in andalusien sowieso nicht. natürliche alternativen finde ich aber genug. seit gut 20 jahren koche ich jeden tag selbst und wenn ich das kochen gelernt habe, dann kann das jeder. den tieren und der umwelt gefällt jeder “wahre” tierfreund.
    https://campogeno.wordpress.com/2015/05/14/jeder-kann-es-aber-nur-wenige-wollen-es/

    1. Hi Aussteiger, danke für deinen Kommentar.

      Ich stimme dir völlig zu. Fleischverzicht würde das Leid der Tiere stark reduzieren. Besonders wenn man die Maßlosigkeit des heutigen westlichen Fleischkonsum betrachtet. Aus diesem Grund ernähre ich mich als Privatperson auch seit vielen Jahren vegan und bin davon überzeugt. Doch einen waschechter Veganer kann ich nicht nennen, denn ich bin ja auch Spinner und verwende Wolle. Da sich mein Blog auch an Spinner und Stricker richtet, halte ich es für wichtig, gerade die wollbezogenen Themen erstmal aus dem Schatten unserer Konsumwelt zu holen und auf den Tisch zu bringen. Wir müssen uns damit konfrontieren, wie Produkte entstehen. Veganismus ist auch ein Weg als Einzelperson Einfluss zu nehmen und ich habe mich als Privatperson ebenfalls dafür entschieden und lebe sehr glücklich damit und etwas gesünder als zuvor. Doch als Blogger überlasse ich das Thema gerne den vielen engagierten Koch-, Lifestyle- und Tierschutzblogs. Ich freue mich, wenn Spinner/Sticker Biowolle kaufen und nach dem Tierschutz fragen. Ein Schritt ist einer, dem möglicherweise noch weitere folgen. Doch ein Schritt ist bereits wahnsinnig viel wert.

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