Arachne

Vom Spinnen, über Spinnen und aus längst vergangenen Tagen. Es gibt unendlich viele Geschichten in denen das Spinnen ein Rolle spielt. Heute soll es mal ein Verwandlungsmythos aus der griechisch-römischen Mythologie sein. Er handelt von Arachne einer lydischen Weberin, die zur Spinne verwandelt wurde und damit auch Namensgebern der Spinnentiere und unseres Handwerks.

Nieder geschrieben wurde diese Geschichte von Ovid im 1. Jh. n. Chr. in seinem Buch von den Verwandlungen, welches ein wahrer Schatz an Geschichten ist, in denen eine Metamorphose stattfindet. Später wurden zahlreiche dieser Geschichten in Literatur, Kunst und Kultur künstlerisch verarbeitet. Auch Arachne findet sich in Gemälden und Literatur wieder. Doch dazu ein andermal. Jetzt möchte ich erst gerne eine wunderschöne Übersetzung von Gerhard Fink mit euch teilen. Ich wünsche euch ein entspanntes Lesen!

Als Pallas diese Erzählung angehört und sowohl den Gesang der Musen wie ihren gerechten Zorn gelobt hatte, sagte sie zu sich: „Lob zu spenden, das ist zu wenig; ich will auch selbst Lob verdienen und nicht mehr dulden, daß man ungestraft meine göttlichen Macht gering schätzt!“ Dabei dachte sie an den Untergang der Lydern Arachne, von der sie vernommen hatte, daß sie ih den Ruhm in der Kunst zu weben streitig Mache. Arachne war nicht ihres Standes noch ihrer Abkunft wegen allbekannt, sondern allein wegen ihrer Kunstfertigkeit. Ihr Vater, Idmon aus Kolophon, tränkte die durstigen Wolle mit Purpursaft von Phokaia. Ihre Mutter war tot, doch auch wie war von gemeiner Abkunft gewesen, gleich ihrem Mann. Arachne jedoch hatte sich ein den lydischen Städten durch ihre Geschicklichkeit einen großen Namen erworben, wiewohl sie, als Tochter kleiner Leute, im kleinen Hypaipa wohnte. Im ihre bewundernswerte Arbeit zu sehen, verließen oftmals Nymphen des Paktklos ihre Flut.

Ja, nicht allein das vollendete Werk zu betrachten, war eine Freude, sondern auch seinen Werdegang zu verfolgen: Mit solcher Anmut paarte sich die Kunst. Ob nun Arachne die rohe Wolle erst zusammenballte oder mit den Fingern glattstrich oder die Flocken so lange zupfte, bis sie Lämmerwölkchen glichen, ob sie geschwind mit dem Daumen die glatte Spindel drehte oder ob sie stickte – man hätte glauben mögen,sie sei von Pallas unterwiesen. Das jedoch streitet sie ab, schämt sich einer solchen Lehrmeisterin und spricht: „Soll sie sich doch mit mir messen! Alles nehme ich auf mich, wenn sie mich besiegt.“

Pallas verwandelt sich in eine Alte, deckt ihre Schläfen mit falschen grauen Haaren und stützt sogar die gebrechlichen Glieder auf einen Stab. Dann hebt sie so zu sprechen an: „Nicht alles was hohes Alter mit sich bringt, sollten wir verachten. Mit den Jahren kommt die Erfahrung. Darum weise meinen Rat nicht zurück! Begnüge dich mit dem Ruhm, unter den Sterblichen die größte Spinnerin zu heißen, aber weiche der Göttin und bitte sie, du Unbesonnene, inständig um Vergebung für deine Worte. Vergebung wird sie dir gewähren, wenn du zu ihr flehst.“

Arachne wirft der Alten einen finsteren Blick zu, läßt den angefangenen Faden fahren und vermag kaum noch, ihre Hand zu beherrschen. Aus ihren Zügen bricht der Zorn, und sie gibt der verwandelten Pallas folgendes zurück: „Albernes, altes Gerippe! Es ist auch von Übel, wenn man gar zu lange gelebt hat! Laß diese Weisheiten doch deine Schwiegertochter hören, wenn du eine hast, oder deine Tochter! Ich weiß mir schon selber zu raten – und glaube ja nicht, dass du mit deinen Warnungen etwas aufgerichtet hast. Ich bleibe fest bei meiner Meinung. Warum kommt denn Pallas nicht selbst? Warum will sie sich nicht auf einen Wettstreit mit mir einlassen?“

Darauf die Göttin: „Sie ist gekommen!“ Sprach´s, warf des alten Mütterchens Gestalt ab und stand da als Pallas.

Da verehren die Nymphen und Lydiens Töchter ihre göttliche Macht, die Jungfrau allein bleibt unerschrocken. Allerdings errötet sie: gegen ihren Willen überzieht eine plötzliche Röte ihr Antlitz und verschwindet gleich wieder, so wie der Himmel sich gewöhnlich purpurrot färbt, sobald Aurora erwacht, um nach kurzer Zeit beim Aufgang der Sonne wieder zu erbleichen.

Arachne beharrt auf ihren Vorsatz, und in ihrem törichten Verlangen nach dem Siegespreis rennt sie in ihr Verderben. Denn Pallas äußert keinen Widerspruch, warnt sie auch nicht weiter und schiebt den Kampf nicht mehr auf.

Augenblicklich gehen beide an verschiedene Arbeitsplätze und spannen an zwei Webstühle die langen Grundfäden. Die Kette ich mit dem Webebaum verbunden, und ein Schilfrohr teilt die Fäden in gerade und ungerade. An spitzen Schiffchen schießt der Einschlag dazwischen durch, den behende Finger abwickeln. Sobald er durch die Grundfäden geführt ist, schlagen ihn die ausgeschnittenen Zähne des Kamms fest.

Beide Frauen haben es eilig. Das Kleid unterm Busen gegürtet, regen sie mit Geschick ihre Arme, und der Eifer verkürzt ihre Arbeit.

Hier wird sowohl mit kräftigen Purpur gewebt, der den Färbekessel in Tyrus geschmeckt hat, als auch in feiner Schattierung mit fast unmerklichen Übergängen – wie beim Regenbogen, der sich als riesiger bunter Gürtel über den weiten Himmel spannt, wenn Regen und Sonnenstrahlen sich treffen: Er prangt von tausend verschiedenen Farben, doch wie eine in die andere übergeht, bleibt dem Blick des Betrachters verborgen: So sehr auch das jeweils nächste sich gleicht, so verschieden ist doch die Färbung der Ränder.

Hier wirkt man sogar schmiegsamen Golddraht unter die Fäden, und im Gewebe entwickelt sich eine alte Geschichte.

Neben die Burg von Athen webt Pallas die Hügel der Kriegsgotts und schildert den alten Streit um die Benennung des Landes. Zweimal sechs himmlische Götter, mit Jupiter in der Mitte, sitzen auf erhabenen Thronen in ernster Majestät. Jeder der Götter ist leicht an seinen Äußeren zu erkennen. Jupiters Bild ist das eines Königs. Den Gott des Meeres läßt sie im Stehen mit dem langen Dreizack gegen schroffe Felsen stoßen: Schin ist der Wunde des Felsens eine Quelle entsprungen als Unterpfand dafür, daß Neptun die Stadt gebühre. sich selbst gibt Pallas einen Schild, gibt sie einen Speer mit scharfer Setze, gibt sie einen Helm für das Haupt; ihre Brust wird von der Ägis beschirmt: Dann stellt sie dar, wie die Erde, vom Stoß ihrer Lanze getroffen, samt seinen Früchten einen Schönling des graugrünen Ölbaums hervorbringt und wie die Götter sich wundern. Ihr Sieg beschließt das Werk.

Damit jedoch eher ruhmsüchtige Nebenbuhlerin aus Beispielen erfahre, welchen Lohn sie für ihr wahnsinniges Unterfangen zu gewärtigen habe, fügt sie in den vier Ecken noch vier Wettkämpfe hinzu, leuchtend in der Farbe, obschon in kleinen Figuren.

Die Thrakerin Rhodope erscheint in der ersten Ecke mit Hamids – beide sind jetzt kalte Gebirge und waren doch einst sterbliche Wesen, die sich in Namen der höchsten Götter anmaßten.

Die zweite Ecke enthält das klägliche Schicksal der Stammmutter des Pygmäenvolks, die Juni im Wettstreit besiegte, zu einem Kranich werden und ihr eigenes Volk gekriegten hieß. Pallas stellte auch Antigone dar, die sich dereinst erkühnte, mit der Gattin des großen Jupiter zu wetteifern, aber von Königin Juno in einen Vogel verwandelt wurde. Weder Troja noch ihr Vater Laomedon konnten es hindern, daß sie Flügel bekam und nun im weißen Federkleid mit dem Klappern des Schnabels als Storch sich selbst Beifall klatscht.

In der letzten Ecke endlich ist Kinyras zu sehen, seiner Kinder beraubt. er umarmt die Stufen eines Tempels – es sind die Glieder seiner Töchter -, liegt auf dem harten Stein und scheint zu weinen.

Den äußeren Rand des Gewebes verzerrt Pallas mit Ölzweigen, die Frieden künden. Nun ist sie am Ziel; mit dem Bild ihres Lieblingsbaums beschließt sie ihr Werk.

Die Lyderin webt Europa, die sich vom Trugbild eines Stiers täuschen ließ. Man könnte glauben, einen wirklichen Stier, ein wirkliches Meer zu sehen. Europa selbst schien nach dem verlassenen Gestade zurückzublicken, nach ihren Gefährtinnen zu rufen, sich davor zu fürchten, das hochspritzende Wasser könne sie erreichen und ängstlich die Füße anzuziehen.

Sie stellte auch Asterie dar, wie der Adler sie beim Liebesspiel festhält, sie stellt Leda dar, wie sie unter den Flügeln des Schwans liegt. Außerdem bildet sie ab, wie Jupiter, unter der Gestalt eines Satyrs verborgen, Antippe, die schöne Tochter des Nykteus, mit Zwillingen beschenkt, wie der Amphitryon war, als er dich Alkmene, eroberte, wie er im Goldregen Danae, als Feuerbrand Aigina täuschte, Mnemosyne als Hirt, Proserpina als schillernde Schlange.

Dich, Neptun, in einen störrischen Jungstier verwandelt, legte sie zu einer Tochter des Aiolos. In der Gestalt des Floßgotts Enipeus zeugst du Otos und Ephialtes, die Riesen, als Widder täuschst du Theophane. Die blondhaarige, milde Mutter der Früchte empfing dich als Hengst, geflügelt empfing dich die schlangenhaarige Mutter des geflügelten Rosses, dich empfing als Delphine die Melantho.

Diese allen gab Arachne die rechte Gestalt und den rechten Ort der Handlung.

Dort steht in Gewand eines Bauern Apollo; man sieht auch, wie ersuch bald in Habichtsgefieder, bald in eine Löwenhaut hüllte, wie er als falscher Hirt Isse, des Makareus Tochter, verführte.

Man sieht, wie Bacchus als trügerische Traube Erigone überlistet, wie Saturn in Pferdegestalt den Zentauren Chiron gezeugt hat.

Den schmalen Saum am Rand des Gewebes schmücken Blumen, mit Efeuranken verflochten.

Nicht Pallas, nicht der Neid in eigener Person vermöchte jenes Werk zu tadeln. Es kränkte die blonde Heldenjungfrau, daß es so wohl geraten war, und sie zerfetzte das bunte Tuch, die Schandgeschichte des Himmels. Und weil sie gerade das Schiffchen aus Buchsbaumholz in der Hand hielt, schlug sie es dreimal und viermal Idmons Tochter Arachne ins Antlitz.

Das kann die Unglückliche nicht verschmerzen, und entschlossen schlingt sie sich ein Seil um die Kehle. Sie hängt schon, doch Pallas fühlt Mitleid, hält sie und spricht dabei: „Bleib nur am Leben, doch bleibe auch hängen, du Frevlerin, und dieses Strafurteil gelte, damit du nicht unbesorgt in die Zukunft schaust, für dein ganzes Geschlecht und für die spätesten Enkel!“

Danach, schon in Gehen, besprengte sie sie mit dem Saft von Hektars höllischen Kraut, und sofort fallen ihr bei der Berührung mit dem scheußlichen Gibt die Haare ab, und mit ihnen Nase und Ohren. Ganz klein wird der Kopf, klein auch der Rumpf; zur Seite hängen dünne Finger statt der Beine herab. Alles übrige auch der Bauch; aus diesem zeiht sie den Faden und übt ihre alte Webkunst als Spinne. Ganz Lydien gerät in Erregeng, auch durch Phrygiens Städte eilt die Kunde von dem Geschehen und erfüllt mit Gerüchten den gewaltigen Erdkreis.

Ovid, Metamorphosen, Das Buch der Mythen und Verwandlungen, Sechstes Buch, 1-27, die Weberin, Arachne. Übersetzung nach Gerhard Fink.

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