Faserkalender – Türchen 7: Das Braune unter den Merinos

Zu guter Letzt in Sachen Merino geht es heute um die braunen Merinos.

Die Wollindustrie bevorzugt weißes Merino, warum, muss sicher nicht weiter erklärt werden. So gibt es Merino-Züchtungen, die bekannt für ihre reinbeißen Wollen sind, doch die meisten der Fine-Wool Merinos sind gebrochen weiß oder creme Farben. Ungewöhnlicher sich die schwarzen, grauen und braunen Merinos, deren Fasereigenschaften auch von den weißen abweichen. (1)

thumb_imgp3414_1024Zunächst zu „meiner“ braunen Faser. Dieses Merino ist von unbekannter Herkunft (Land) hat 23 mic und eine Stapellänge von etwa 10 cm. Sie ist weich, aber fühlst ich weniger weich wie die weiße Merinowollen gleicher Feinheit an, die ich in den Fingern hatte. Die Stapellänge ist fühlbar kürzer und die Kräuselung fühlt ebenfalls anders an, wobei es diesmal wirklich schwer ist was daran anders ist. Die Farbe ist klar und ohne anders farbigen Haare durchsetzt Kastanien braun. Ich betone, das, da ich diesen Braunton ohne Melierung, seltener ist. Mich erinnert diese Farbe an das Kastanienbraun der Alpakas. Als pure Spinnfaser finde ich dieses Merino herausfordern, denn sie ist nicht so glatt, wie ich es von den weißen oder gefärbten Merinos gewohnt bin, aber auch nicht so kraus, so dass ich automatisch in Richtung Streichgarn spinnen würde. Deshalb mag ich diese Faser im Gemisch. Dort würde sie etwas Fluff ins Spiel bringen und das Garn mehr woolen machen. Diese Gemisch stelle ich immer durch das Kardieren her und somit bewege ich das Garn ohnehin in die Streichgarnrichtung. Auf keinen Fall würde ich diese Faser mit sehr glatten anderen Fasern, wie Pflanzenfasern oder Seide mischen, denn dann würden die Spinneigenschaften beider Fraktionen kollidieren.

Hier ist nun naturbraunes Merino, 22 mic, zum Vlies kardiert zu sehen. Eine Wolle, die ich erst vor kurzen erstanden habe und noch nicht versponnen habe. Sie erscheint ebenso weich, wie im Kammzug, aber einzelnen Fasern sind um einiges kürzer. Doch auch hier fehlen weitere Händlerangaben. Ich bin gespannt welches Garn sie ergeben werden.

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Doch wie ist das nun mit den Farben?

Eigentlich ist es mit der Farbe nicht viel anders als bei anderen Tieren, wie Hunde oder Katzen auch, sie genetisch bedingt, erblich und einige Gene sind rezessiv und einige dominant.

„Das Gen, das die schwarze Farbe hervorruft, ist rezessiv: Wie fast alle Tiere sind Schafe diploid, das bedeutet, sie besitzen ihr Erbgut in doppelter Ausführung. Einige Tiere können zwar ein weißes Fell tragen, in ihrem Erbgut aber trotzdem das rezessive Gen für die schwarze Farbe besitzen. Nur bei bestimmten Paarungen zwischen weißen Schafen kann so auch einmal ein schwarzes Schaf entstehen. “ So erklärt es Belinda Norris von der australischen Wissenschaftsorganisation CSIRO.

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In einem Artikel über die Vliesfarbe in der Schafzucht weißt sie weiter auf einen Umstand hin, den ich wieder sehr bedenklich finde und mir in seinen Konsequenzen nicht klar war. Die in der Zucht bevorzugte Farbe ist weiß, klar. Doch was passiert mir nicht-weißen Lämmern?

“ Doch auch in eigentlich weißen Herden werden hin und wieder schwarze Schafe geboren. Etwa jedes dreihundertste Schaf trägt Schwarz. Für die Züchter sind diese in der Regel kein Grund zur Freude – die schwarzen Fasern können nicht zusammen mit der Wolle der übrigen Tiere verarbeitet werden. Ein noch so geringer Anteil würde die Qualität der Wolle sofort senken. Manche Schäfer töten die dunklen Tiere daher oft schon sofort nach der Geburt.“

Tja. Soviel zum Kundenwunsch und dem Gesetzt des Marktes.

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Um einen kurzen Blick in die Genetik der Schafe und ihre Farben zu werfen,möchte ich stellvertretend die Ouessant-Schafe betrachten, denn hier kann die Farbentwicklung gut nachvollzogen werden.

Das Bretonisches Zwergschaf ist die kleinste Schafrasse Europas und es hat seinen Namen von der Ile d’Ouessant, wo diese Schafe sehr lange Teil der Kultur und der Landwirtschaft war. Erst um 1880 wurden Ouessants durch erste Touristen auf das Festland überführt, wo sie aus Mode und Amüsement durch Adelige weiter gezüchtet wurden.

la_foire_aux_moutonsDie Ouessants waren ursprünglich schwarz. 1861 wurden einige weiße Schafe erwähnt, doch bis zum Ende des 19. Jh.s waren sie die Ausnahme. Anfang des 20. Jh.s waren die weißen Ouessants auf der Insel in der Überzahl. Außerdem wurden nun größere Tiere gehalten, die keine Ouessants mehr waren. In die heimische Rasse wurden andere Schafrassen eingekreuzt. Nur die Ouessants auf dem Festland, die aus Liebhaberei gehalten blieben dadurch Einkreuzungen entzogen. Der heutige Ouessant-Bestand geht auf recht wenige Tiere zurück und kam nicht ohne Einkreuzungen aus. So spricht man heute von traditionellen Farben Schwarz und Weiß, sowie von modernen Farben Braun und Schimmel. (4)

 

Locus Bezeichnung Allele bei OUS Phänotypische Auswirkungen der Allele
A agouti Awt weiß
Ag schimmel
a schwarz (nonagouti)
B Braun-Locus B schwarz
b braun
D dilute D vollständige Farbbildung
d verdünnt/aufgehellt

Für die weiße Farbe ist das sogenannte Agouti-Gen verantwortlich. Ein schwarzes Schaf wird Non-Agouti genannt. Belinda Norris erklärt das so: „Bei weißen Schafen lag das Gen in Form von mehreren in Reihe geschalteten Kopien vor, sogenannten ‚tandem repeats‘ (…). Das kann man sich wie die einzelnen Glieder einer Metallkette vorstellen. Schwarze Schafe besitzen dagegen nur eine Kopie des Gens, und diese ist zudem noch defekt.“ (5)

Bei den Ouessants tauchten bald graue Schafe auf. Hier spielt das Dilute-Gen eine Rolle. Das ist eine Art Verdünnungsgen, dass das Schwarz zu Grau verdünnt.

Die Herkunft der weißen Schafe, die Ende des 19. Jh.s aufgetaucht sind, in unbekannt. Auf dem Festland gab es bereits weiße Heideschafe, möglicherweise kam es hier zu Überführungen von weißen Heideschafen vom Festland auf die Insel, die in der freien Heidehaltung dann an Kreuzungen beteiligt waren. Bei weißen Ouessantschafen kann es zu rötlicher Färbung insbesondere im Nacken, am Schwanz und den Beinen kommen.

Es gab auch braune Ouessants, die sich alle auf einen Nordstamm zurückführen lassen sollen. Doch in der Bretagne handelte es sich eher um durch die Sonne braun gebleichte schwarze Ouessants. Die Farbgebung bei braunen Schafen wird durch den Braun-Lochs bestimmt.

Die umstrittene Farbe Schimmel, agouti grey, ist in den Niederlanden durch die Einkreuzung von Finnschafen und Romanovschafen entstanden. Hier wurden in den 1970er und 1980er Jahren Romanov- und Finnschaf eingekreuzt. Schimmel können optisch von weiß bis fast ganz schwarz erscheinen, indem ein Teil der Haare weiß ist und zusammen mit den anderen einen Mischton ergeben. (6)

stammbaumExemplarisch eine Grafik in der ein solcher Erbvorgang bei Meerschweinchen („Genotyp und Phänotyp eines domiant – rezessiven Erbgangs am Beispiel von Meerschweinchen und dem Braun – Lotus“ (7) ) dargestellt wird. Doch bevor es hier zu kompliziert wird, möchte ich auf diverse Katzen-, Hunde-, und andere Hauszierzuchtseiten verweisen. Hier kann man sich ausführlichst informieren, wie sich welches Gen in welcher Kombination von Elterngenen phänotypisch durchsetzten kann.

Zurück zu den Merinos. Gibt es nun Merino-Linien, die naturfarbene Vliese aufweisen?

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beliermerinosIn meinem schlauen Buch, Das Fiber Source Book (siehe Quellen), das wohl ausführlichste Faserbuch für uns Spinner, habe ich nur eine einzige Merinoart gefunden, die typischerweise auch andere Farben als Weiß aufweisen: das französische Merino, Rambouillet. Es kommt neben weiß besonders in grau und schwarz vor. Alle anderen Merinos in diesem Buch sind als explizit reinweiß gezüchtet oder als überwiegend weiß aufgeführt. Des Weiteren weiß ich aus Erfahrung beim Fasereinkauf, dass es auch deutsche Merinos in graubraun und spanische Merinos mit einem wunderbaren mittel- bis dunkelbraunen Farbton gibt und die Montevideo Merinos, also Südamerikaner, in sattem Kastanienbraun. Doch hier fehlen mir wieder einmal genaue Angaben der  Händler, schade!

Übrigens: Wusstet ihr, dass es Faserbehandlungen gibt, die die Fasereigenschaften erheblich beeinflussen?

Es gibt Behandlungsmethoden, die die Fasern am Filzen hindern. Das sog. Hercosett-Verfahren führt zu filzfreier Wolle, die auch oft mit superwash gekennzeichnet wird. Dabei wird die Faser mit Chlor behandelt und so die Schuppen abgelöst, die wesentlich am Filzprozess beteiligt sind. Danach wird die Faser mit einem Film aus Polyamid-Epichlorhydrinharz überzogen. Das hat zur Folge, dass die Wolle oft in der Waschmaschine gewaschen und Bekleidung sogar im Trockner getrocknet werden kann.

https://de.wikipedia.org/wiki/Hercosett

Ein anderes Verfahren, OPTIM Fine, erzeugt feiner Wollfasern. Durch Stretching werden die Fasern um 40-50% verdünnt. Durch eine chemische Behandlung können diese Fasern dann in dieser Feinheit fixiert werden. 19 mic-Merinofasern können so auf 15,5 mic-Fasern verfeinert werden. Die Fasern verlieren so aber auch ihre Kräuselung und damit die Elastizität und den Fluff im Garn. Dafür erhöht dieses Verfahren den Glanz und die Gleitfähigkeit der Fasern im Kammzug, sodass das Spinnen besser rutscht.

Das OPTIM Max-Verfahren verdünnt ebenfalls die Fasern um 30-40%, jedoch werden sie nicht in der Feinheit fixiert. Stattdessen können sie in der feinen Form mit anderen Fasern gemischt werden, diese dann versponnen und durch Waschen in heißem Wasser wieder in die ursprüngliche Form versetzt werden. So fluffen die Fasern im Garn auf und das Garn gewinnt an Volumen. Das Garn bleibt sehr leicht, wird aber dicker (high-bulk) ohne mehr Material (Gewicht) zu benötigen. Dieser Garntyp ist schwer industriell zu spinnen, doch durch die Ausrüstung der Fasern, wird er industriell produzierbar. (136)

Quellen:

(1) Vgl.: D. Robson u. C. Ekarius: The Fleece & Fiber sourcebook, North Adams 2011, S.140.

(2) http://www.farbimpulse.de/Das-Geheimnis-der-schwarzen-Schafe.335.0.html am 6.12.2016

(3) Ebd. am 6.12.2016

(4) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ouessantschaf am 6.12.2016.

(5) http://www.farbimpulse.de/Das-Geheimnis-der-schwarzen-Schafe.335.0.html am 6.12.2016

(6) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ouessantschaf am 6.12.2016.

(7) http://www.heimtierwissen.de/Seiten/Allgemeines/Genetik.html am 6.12.2016.

(8) Vgl.: D. Robson u. C. Ekarius: The Fleece & Fiber sourcebook, North Adams 2011, S.136.

Bildquellen: Wikipedia Commons

Rambouillet-Wolle: Vgl.: D. Robson u. C. Ekarius: The Fleece & Fiber sourcebook, North Adams 2011, S. 151.

 

 

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