Faserkalender – Türchen 11: Spanische Schafe

Heute geht es um spanische Wolle. Ich habe euch einen spanischen Kammzug fotografiert, der Teil der Mischmasch-Packung von Wolllust Schurwolleversand ist (Kammzug mittig unten links). Leider ist das immer ein kleines Rätselraten, wenn es darum geht, welche Wolle und Faserart es genau ist. Da in der Mischmasch-Packung, auf Grund ihres wechselndes Inhaltes – eigentlich eine sehr schöne Idee – keinerlei Info dabe ist, um welche Wollen es sich handelt, musste ich alle Wollen erstmal innerhalb ihres naturfarbenen Angebots identifizieren:

naturfasern-kopie

  • Süddeutsches Merino naturweiß
  • Islandwolle mit einen hohen Anteil Gotland in braumelierter Farbe (bereits gebloggt)
  • Polarfuchs in hellgrau meliert (bereits gebloggt)
  • Brasilianischer Kammzug in einem kamelbraun (nicht im regulären Kammzugangebot)
  • Deutsche naturfarbene braungraue Wolle
  • spanische Wolle in naturfarbenen dunkelbraun
  • Spanische Wolle in naturfarbenen graubraun

Doch für mich beginnt, wie ihr wisst, hier erst das Interesse. Mir ist wichtig zu wissen, was ich verspinne, nicht nur, um zu wissen, was ich wieder kaufen möchte, sondern vor allem um den Erfahrungsschatz meiner Finger zu erweitern. Alles Lesen in Büchern bringt nur dann wirklich etwas, wenn die Finger die gleiche Erfahrung machen und so die theoretische Info mit dem Gefühl verbunden werden kann. Was heißt es, wenn die Wolle xy mic hat oder einen typischen Merino-Krimp? Und wie verändert sich der Krimp, wenn das gleiche Schaf in Land xy oder in Deutschland gehalten wird… All diese Erfahrungen können nur dann gemacht werden, wenn die tollen Fasern, die wir bekommen können auch mit der Info versehen werden, welche Faser (Schafrasse/Unterart) es nun wirklich ist, wo sie her kommt, und welche Mic (die können wir leider nicht mit einem Mikroskop zu Hause ermitteln) sie hat. Daher würde ich mir sehr wünschen, wenn jeder Wollhänder möglichst transparent mit diesen Faserdaten umgehen würde!

Doch nun zur spanischen Wolle. Welche Schafe werden überwiegend in Spanischen gehalten (1):

  • Merinolandschaf
  • Merinofleischschaf
  • Churraschaf
  • Latxasschaf

Das spanische Merino

Über Merinos (Landschaf/Feinwollschaf) habe ich ja schon sehr viel geschrieben. Im Ersten Post ging es um die Herkunft der Merinos bei den Berbern, die die Schafe zur Zeit der Almohaden nach Spanien brachten. Später wurde am spanischen Königshof ein Exportverbot unter Todesstrafe erlassen und die spanische Wolle war bis ins 18. Jh. von weltweiten Rang.

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Das Merinofleischsschaf ist ein Kombinationsschaf aus dem „(…) deutschen Meinokammwollschaf mit Vertretern französischer und englischer Zweinutzungsrassen.  Ursache des Wandels in der Merinozucht bildete der in Deutschland zu beobachtende Preisverfall für Feinwolle und steigende Schaffleischpreise.“ (2)

Zum Zuchtziel wir folgendes geschrieben: “ (…) Die tiefe und breite Brust ist vorgeschoben. Rassentypisch ist des Weiteren der breite Rumpf mit gut bemuskeltem Rücken. Das Schaf verfügt über ein breites Becken und volle Innen- und Außenkeulen. (…) Merinofleischschafe erzeugen weiße Feinwollen im möglichst ausgeglichenen Sortiment A/AB. Sie soll gut gestapelt und gekräuselt sein. Hautfalten sind unerwünscht.“ (3)

Das Merinofleischscahf gehört zu den bedrohten Tierarten!

  • Wollfeinheit: 22–26 Mikrometer

Das Churraschaf

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Beim Churra-Schaf handelt es sich um Schaf, das in erster Linie wegen seiner Milchproduktion gehalten wird. Es eine heimisch Rasse in Kastilien, León und im Nordwesten Spaniens. Das Klima dieser Region zeichnet sich durch heiße und trockene Sommer, sowie lange und kalte Winter aus. Seine Wolle ist eher grob und grannenreich, ähnlich wie bei den später gezeigten Latxa-Schafen und damit den Wetterbedingten angepasst. Somit eignet sich ihre Wolle für robuste Textilen wie Teppichen und gehört nicht zu den Feinwollen. Aber: aus ihrer Vollmilch wird der typische spanische Zamorano-Käse hergestellt. Wer also nicht ihre Wolle spinnt, hat vielleicht schon ihren Käse gegessen. (4)

Übrigens: Die Navajo Churro Schafen stammen von den spanischen Churras ab. (5)

Das Latxa-Schaf

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Im Baskenland wird eine Schafrasse kultiviert, die eine sehr lange Tradition hat und bestens an die Landschaft und das Klima angepasst ist die Laxta-Schafe. Ihr Name stammt von ihrer Wolle, die grob und zottelig, hervorragen gegen Wind und Wetter schützt, aber kaum für die Produktion feiner Textilien geeignet ist. Wie bei den Churra-Schafen ist ihre Milch wieder die Grundzutat feiner baskischer Käsesorten. (6)

Besonders spannend finde ich die Kultur und Tradition, die mit diesen Schafen verbunden ist. Ein Blog über das Baskenland hat in wunderbarer Weise, darüber geschrieben, sodass ich einfach nur zitieren möchte:

„Das Hirtendasein ist eine der ältesten Tätigkeiten in den baskischen Bergen und Hochebenen. Die Ursprünge des Schafehütens, insbesondere einheimischer Arten wie der Latxa (1), gehen zurück auf längst vergangene Zeiten und sind zudem Teil der vielfältigen baskischen Mythologie. Zu den bevorzugten Tieren der baskischen Legende Mari, der Dame, die in einer Höhle im Berg Anboto lebt, gehört der Hammel Aari, ihr steter Begleiter in den verschiedenen Höhlen. Mal ruht ihr Kopf auf seinem Fell, mal nutzt sie ihn als Sitz während sie spinnt, oder sie reitet auf ihm – laut Überlieferungen, die der Anthropologe Joxemiel Barandiarán (2) über Jahrzehnte hinweg zusammengetragen hat. (3)

Als erster Hüter der Schafe in der baskischen Mythologie gilt der einäugige Tartalo, auch Alarabi (4) genannt, der das Felsmassiv Gorbeia (5) bewohnt haben soll und dessen menschliche Nachfolger als Hirten Schreckmomente erlebten, die von einem Wesen namens Ardi verursacht wurden. Dieser Ardi nutzte sein Erscheinungsbild als Schaf, um die Hirten in eine der vielen tiefen Höhlen zu locken, wobei er vorgab, die Herde zu schützen. Dies ging solange gut, bis der Sage nach die Jungfrau von Arantzazu (6) den Hirten zu Hilfe kam und sie beschützte.“ (7)

Übrigens: der Mythos über eine in Höhlen oder im Berg wohnender Dame ist auch in unseren Alpen, wo viele Schafrouten zwischen dem Norden und den Süden verbinden, anzutreffen. Natürlich ist das Motiv anders ausgeführt und mit andere Rahmengeschichte versehen. Doch darüber möchte ich ein andere mal posten 🙂

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Als Fazit möchte ich nun nochmal auf unseren Kammzug zurückkommen. Sie fühlt sich mittelfein an (die mic wurde nicht angegeben, ich schätze etwa 26), hat eine gute mittlere Stapellänge (8-10) und ist mit weißen/helleren Haaren durchzogen (leider auf der Fotographie nicht zu sehen). Sie läßt sich gut im Kammzug spinnen, gleiten angenehm aus dem Stapel. Sie läßt sich auch gut mit anderen glatten Fasern vermischen und sorgt dann für mehr Volumen, obwohl ihr Krimp nicht auffällig bulky ist. Im Gegenteil, die einzelne Faser sieht eher glatt und ein wenig kratzig aus, wie sie sich in den Fingern aber nicht anfühlt. Besonders gut gefällt mir die Faser im Vlies gemischt. Dennoch ist sie keine typische Streichgarnfaser. Sie liegt in der Mitte. Weder Kammgarn- noch Streichgarnfaser. Sie ist definitiv ein Halbkammgarnfaser und die Faserverarbeitung wird darüber entscheiden, in welche Richtung das Garn gehen wird. Wobei diese Faser immer das Extrem in die entgegengesetzte Richtung abmildern wird. Niemals wird es ein richtig glattes und komprimiertes Garn geben und niemals ein luftiges, elastisches Streichgarn.

Ich denke, wir können die Latxas und die Churras als Quelle unserer Spinnfasern ausschließen. Bleiben also die Merinolandschaf oder die Merinofleischschafe. So oder so sind es die Merinos, die wohl mit großer Wahrscheinlichkeit uns diese Faser gegeben haben. (Hier haben wir übrigens wieder ein Beispiel naturfarbenen Merinos, die ja verglichen mit den weißen Merinos in der Unterzahl sind. Vgl. Blogbeitrag über das braune Merino) Ich bin immer wieder sehr erstaunt wie unterschiedlich die Merinofasern sind. Ich habe ja nun schon einige Fasern vorgestellt, die sich am Ende, neben den offensichtlichen, als Merino entpuppt haben und das wird sicherlich noch einige Male hier im Kalender passieren. Denn oft, weiß ich vorab nicht, welches Schaf der Lieferant der Fasern war. Dennoch sind alle hier vorgestellten Fasern vom Gefühl in den Fingern unterschiedlich. Und das zeigt, wie entscheidend das Gefühl ist! Denn letztlich geht es ja, neben spinntechnischen Fragen, die selbstverständlich an der Faser orientiert beantwortet werden müssen, um das Gefühl auf der Haut, beim Tragen oder Weiterverarbeiten.

In diesem Sinne wünsche ich euch frohes Spinnen am 3. Advent und habt ein Auge auf eure Fasern 😉

 

Quellen:

(1) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Schafrassen am 11.12.2016.

(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Merinofleischschaf am 11.12.2016.

(3) Ebd.

(4) Vgl.: http://bib.ge/sheep/sheep_breeds_open.php?id=2050&ph=1 am 11.12.2016.

(5) Vgl.: Ebd.

(6) Vgl.: http://www.baskultur.info/index.php/kultur/tradition/89-von-schafen-wolle-und-kaese am 11.12.2016.

(7) Ebd.

Die im Zitat (7) befindlichen Anmerkungen:

Anmerkungen:

(1) Latxa ist ein baskisches Wort und bedeutet roh, rauh, grob oder zäh.

(2) Joxemiel Barandiarán, siehe Artikel bei Baskultur.info über „Baskische Anthropologie

(3) Dieser Text basiert weitgehend auf Informationen aus den beiden folgenden Quellen: „Latxa, la áspera oveja vasca“ (Latxa, das rauhe baskische Schaf) von Jon Urroz in der baskischen Wochenzeitung Zazpika Nr: 830, vom 21.12.2014. Sowie „Euskal Herriko lehen artzainak“ (Die ersten Hirten des Baskenlands) von Xabier Peñalver Iribarren in der baskische Reise-Zeitschrift NORA Nr. 48, vom Juli 2012.

(4) Tartalo oder Alarabi: In der baskischen Mythologie ist Tartalo oder Alarabi ein einäugiger Riese mit brutalen Verhaltensweisen. Quellenangaben zufolge lebte er in den Bergen Navarras nahe Zizur Mayor und Astráin, bekannt als Monte del Perdón (Berg der Vergebung) wegen seiner Bergkapelle gleichen Namens oder auf dem Berg Saadar in Gipuzkoa wo ein Dolmen seinen Namen trägt: Tartaloetxea bedeutet Haus des Tartalo. Seine Größe und Kraft sind übermenschlich und seine Lieblingsbeschäftigung ist, Felsstücke von einem Berg zum anderen zu werfen. Er gilt als wild und aggressiv und ernährt sich von Schafen und Kindern, selbst von Erwachsenen ab und zu. Mit Hilfe eines Zauberrings hält er seine Beute unter Kontrolle. Eine Sage erzählt, er sei ertrunken, als er eine seiner menschlichen Beuten verfolgt habe und in einen Brunnen gesprungen sei.

(5) Der Berg Gorbeia (spanisch: Gorbea) ist der höchste Berg eines von der Form her flachen Massivs desselben Namens zwischen den Provinzen Araba (Alava) und Bizkaia. Er ist 1.482 m hoch und seit 1899 mit einem hohen und weithin sichtbaren Metallkreuz gekrönt. Seine Besteigung ist sehr beliebt unter den baskischen Berg- und Wanderfreundinnen, insbsondere am Neujahrstag.

(6) Virgen de Arantzazu (Jungfrau von Arantzazu). Ihr ist ein Franziskanerkloster in Gipuzkoa geweiht, weil es dort der Legende nach eine Erscheinung gab. Siehe dazu den Artikel „Bergkloster mit Kunstpolemik“ auf Baskultur.info 

 

Bildquellen:

Churra Schaf: http://bib.ge/sheep/sheep_breeds_open.php?id=2050&ph=1 am 11.12.2016.

Laxta Schaf, Merinofleischschaf: Wiki Commons

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