Demeter-Pulli

Könnt ihr euch noch an meine ersten Demeter-Rolags erinnern?Rolags2

Naturweiße demeter-zertifizierte Biowolle aus der Region mit bunten Merinofasern gemischt.

Versponnen habe ich sie mit dem langen Auszug, in erster Linie um ihn zu üben. Es ergaben ca. 200 g und ich wusste nicht wie viel Garn ich brauchen werde. Es sollte mein erster Pulli werden. Dazu habe ich den einfachsten Schnitt gewählt, den es wohl gibt und glatt rechts gestrickt. Das Vorder- und Rückenteil sind gleich und gerade hochgestrickt. Auch die Arme sind mit nur 4 Zunahmen nahe am Bündchen einfach hochgestrickt und abgekettet. Dann habe ich die Teile einfach zusammen genäht und fertig. Praktisch, dass diese einfachen weiten Schnitte ohne echte gestrickte Schultern und Armrundungen gerade in Mode sind. 😉

photo 2Der Ausschnitt ergibt so einen weiten U-Bootauschnitt, der beim Tragen über eine Schulter rutscht. Die Ärmel reichen bis über die Ellenbogen und der gesamte Pulli endet auf Taillenhöhe. Es soll ein Sommerpulli sein, der an warmen Sommernächten über ein Top gezogen werden kann. Mit 8er Nadeln gestrickt, ist er etwas transparent und man kann etwas das Top darunter erahnen. 

photoDer lange Auszug beim Spinnen macht das Garn luftig und weniger kratzig. Trotzdem hat er mein Kratztest nicht bestanden. Meine Freundinnen sagten als erstes, er würde kratzen. Tja… deutsche Schurwolle ist echt fordernd und gar nicht leicht super weich zu verspinnen. Ich weiß noch nicht wo das Limit liegt. Wie viel tragen die Fasern bei und wie viel trägt der Auszug bei? Ich werde weiter mit dem langen Auszug üben und schauen, wie weich ich diese Fasern verarbeiten kann und wann die Grenze erreicht ist. Ich denke diese Fasern sind es wert, es zu versuchen auszureizen, denn demeter-zertifizierte Biowolle aus der Region ist einfach das Beste, finde ich.

photo 1Ach ja, die Farbschattierungen finde ich wirklich schön. Er wirkt etwas streifig, aber auch etwas wie schattiert gefärbt. Dabei ist die Mischung einfach farbig auf dem Kardierbrett entstanden. Es ist spannend zu sehen, wie sich die gestrickten Farbmischungen unterscheiden, je nach Verwendung des Gerätes, also Kardiermaschine oder Brett. Mal sehen, wie es sich mit den neuen Kämmen entwickeln wird. 🙂

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Ein langer Weg zum Bouclé

Foto 1-6 KopieBouclé (franz.) bedeutet Schlinge, Kreis, Schleife. Es bezeichnet einen Garntyp der lauter kleine Schlingen beinhaltet, die später ein ganz typisches Strickbild ergibt, bei dem die kleinen Schlingen auf den Maschen aufsitzen, sie dabei ein wenig verdecken und wie viele kleine Haarlöckchen aussehen. Mich erinnert solch ein Stickstück immer ein wenig an ein kleines gelocktes Lamm. Doch der Weg zu einem handgesponnenem Bouclé ist wirklich nicht kurz und einfach.

Seit ich das erste mal „Spin Art“ von Jacey Boggs, indem sie auch das Bouclé beschreibt, gelesen hatte, wollte ich diesen Typ natürlich gleich mal ausprobieren. Doch der erste Versuch war mäßig erfolgreich. Er war völlig umbalanciert und die Schlaufen waren alles andere, nur keine kleine Kreise. Heute, 2 Jahre und einige Versuche später,  ist ein einigermaßen gut aufgebautes Bouclé entstanden, welches aber immer noch nicht perfekt ist. Warum das so ist und was ich von einem perfekten Bouclé erwarte versuche ich hier in einem Beitrag zusammen zu fassen.

Doch bevor ich das versuche möchte ich noch eines los werden, was mir sehr am Herzen liegt. Bouclé ist ein Garn, dass zeigt wie sehr traditionelles Spinnen und art-spinning  von einander profitieren und nicht es eine Frage der „Spinnphilosophie“ ist, welchem Lager man angehört. Jacey Boggs hatte in einem Interview mal gesagt, dass ihre Techniken im traditionellem Spinnen vom art-spinning  profitierten und umgekehrt. Nach nun diesen zwei Jahren intensiven Auseinandersetzen mit der Konstruktion der Garnen, kann ich dem nur bei pflichten. Ich denke ich habe beides fast 50/50 praktiziert und immer wieder in Schüben abgewechselt und jedesmal habe ich dazu gelernt. Beim art-spinning sollte man sehr gut überlegen, wie das Garn aufgebaut wird. Wo kommt die Stabilität her, wie werden die Effekte fixiert und wie viel Drall kommt in welche Richtung in das Garn. Beim traditionellem Spinnen sollten Fasereigenschaften die Technik bestimmen, die dann gut kontrolliert aus geführt wird, um ein möglichst ebenmäßiges, also beherrschtes Garn zu produzieren. Das Bouclé braucht definitiv beides.

Und so geht es:

Foto 4Es werden 3 Singles gesponnen, die sich in stärke, Drall, Richtung und Länge unterscheiden. Also eigentlich in allen Faktoren ;-). Diese werden in 2 Schritten verzwirnt. Im ersten Zwirnschritt, wird der eine Single um den anderen kerngesponnen, wobei die Schlingen erzeugt werden. Im zweiten Zwirnschritt werden diese Schlingen mit einem dritten Single an Ort und Stelle fixiert. Hier gibt es zwei große Hürden. Hürde eins sind die Schlingen. Sie sollten kreisrund sein und es auch im Verlauf des Spinnens bleiben. Hürde zwei stellt die Garnbalance dar. Es muss gut überdacht werden, in welchen Single wieviel Drall gegeben wird, sodass sich am Ende alle Drallmengen gegenseitig aufheben und das Garn balanciert und stabil hängt.

Um das Ganze zu veranschaulichen habe ich euch ein paar Skizzen gezeichnet.

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Insgesamt sind also 3 Singles benötigt. Single a) dient als Kerngarn. Es sollte wirklich unterdreht sein. Deshalb sind auch lange Fasern von Vorteil, denn sie benötigen weniger Drall, um im Single zusammen zu halten. Dieser Single kann auch etwas dicker als der Single b) werden. Warum das so ist wird später deutlich. Single b) ist nun also jener Faden, der später die Schlaufen bilden soll. Deshalb wird auch eine größere Lauflänge benötigt. Ich rechne mit etwa der dreifachen Menge. Doch das hängt von der Menge an Schlaufen ab und variiert nach Belieben. Dieser Single kommt besonders mit flauschigen Fasern wie Angora oder Kaschmir zur Geltung, die sich im Zwirnen öffnen und hautschmeichelnde Schlaufen erzeugen werden. Single c) dient im zweiten Zwirnen dem Fixieren der Schlaufen. Er kann dünn oder auch industriell gesponnen sein. Er muss aber auf jeden Fall mit der richtigen Menge an Drall vorgedreht werden. Außerdem muss noch die Spinnrichtung bedacht werden. a) und c) werden in die gleiche Richtung gesponnen und b) in die andere Richtung. Welche Richtungen es sind, ist letztlich egal, das Verhältnis zu einander ist nur wichtig. Zuletzt müssen die Mengen an Drall beachtet werden. a) muss interdreht sein, b) muss leicht überdreht sein und c) soll normal sein. Leider ist dieser Punkt eine Sache der Übung und des Feelings. Jeder wird mit leicht variierenden Drallmengen spinnen und sich wohl fühlen. Diese Mengen müssen am Ende einfach zu einander stimmen, so dass das Garn balanciert ist.

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Nun geht es an die Schlaufen. Dazu werden die beiden Einzelfäden mit unterschiedlicher Fadenspannung gezwirnt. a) wird fest angezogen und unter Spannung gehalten und somit handelt es schon ums corespinning. b) wird sehr locker in einem ca 45° Winkel aufgesponnen. Der Winkel spielt durchaus eine Rolle. ER bestimmt die Wraps pro Länge l (sei es inch oder cm, der Einfachheit spreche ich nur von l ohne Einheit). Die Anzahl der Wraps bestimmt weiter über die Menge an Drall, also der Umdrehungen oder Twists pro l. Und dies muss vorher im Hinterkopf behalten werden. Es muss nicht unbedingt gemessen oder gezählt werden, sondern einfach nur bedacht: Soll das Garn eher eng gezwirnt werden oder eher weit? Und dem entsprechend viel oder wenig Drall muss in den Single b) gegeben werden.

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Das Zwirnen geschieht in die gleiche Richtung in der auch der Kernfaden a) gesponnen wurde. So addiert sich der Drall aus Schritt 1 und 2 im Kernfaden auf und dieser wird von einem unterdrehten Faden zu einem mit normalem Drall. Der Faden b) hingegen verliert seinen Drall, denn er wurde ja in die Gegenrichtung gesponnen. Da durch das corespinning und die Loops mehr wraps auf dem Kerngarn landen als bei normalen Zwirnen, wird auch mehr Drall im Single b) benötig ohne, dass dieser sich auflöst und die Substanz beim Zwirnen verliert. Das ähnelt dem Zwirnen der Supercoils, bei denen der Single ebenfalls überdreht sein muss, um gut geformte coils zu erreichen. So ergibt es sich, dass sich unterschiedliche Mengen an Drall in den beiden Einzelfäden gelangen, obwohl es sich um einen Arbeitsschritt handelt. In der Skizze links wurde das mit „mehr“  verzeichnet. Und nochmal: das Mehr ergibt sich aus der Menge an Schlaufen die entstehen sollen und dem Abstand Wraps zueinander. Beides ergibt die Menge an Wraps, die auf einem Abschnitt l des Kerngarnes landen. Unter dem Strich ergibt es dann ein balancierten Single b) auf einem normal gedrehten Kerngarn a).

Um das ganze noch etwas komplizierter zu machen, bringe ich noch den Faktor Fadenstärke ins Spiel. In einem Satz gepackt: Je dicker der Faden desto weniger Drall pro Abschnitt. Warum ist das wichtig? Wir müssen uns vorher bewusst machen, wie dick die beteiligten Fäden sind, um die richtige Menge an Drall rein zu geben. Anders als bei normalen Zwirngarnen, lässt es sich währen dem Spinnen des Einzelfadens nicht durch „Selbstverdrehung“ checken, wie der Zwirn aussehen wird und ob der Drall passt. Bouclé entsteht eben in zwei Zwirnschritten und mit unterschiedlichen Drehrichtungen. Daher liegt in den Zwischenschritten ein äußerst umbalancierter Faden vor und es muss zu Beginn zwei statt ein weitere Schritt vorgeplant werden. Deshalb kommt hier nochmal ein kleiner Exkurs in Sachen wraps pro Abschnitt. Wraps ist hier beim Zwirnen automatisch gleichbedeutend mit Drall/Twist.

boucle9Die nebenstehende Skizze zeigt, dass je dünner die Fäden sind, desto mehr Drall und Wraps ergeben sich auf die gleichen Länge eines Abschnittes. Genau das gleiche passiert ja auch beim Spinnen von Einzelfäden. Je dünner, desto mehr Drall sammelt sich. So funktionieren ja auch Tick `n´thins. Hat man zwei unterschiedliche Stärken der zu verzwirnenden Fäden, gilt das gleiche: kommt ein dünner Faden als 2. Faden hinzu, passen mehr wraps in den Abschnitt. Wird nun ein Faden straff gehalten und es kommt zum corespinning, so gilt dies im Prinzip weiterhin bei gleichen Zwirnwinkel. Wenn jetzt auch noch der Winkel größer angelegt sitzen die wraps enger und es wird noch mehr Drall in den Kern gegeben.

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Sicherlich braucht der Kern eines normeln Kerngarn immer einen Hauch mehr Drall vor dem Zwirnen als der aufgezwirnte Single, da dieser die Stabilität garantiert. Wäre er exakt gleich gesponnen würde er beim zurückdrehen brechen. Doch das  spielt hier keine  Rolle, denn es ist kein normales Kerngarn, die Zwirnrichtung ist eine andere. Der ganze Punkt hierbei ist: Der unterdrehte Kern sollte so wenig wie möglich, aber soviel wie nötig an Drall abbekommen. Die Summe Drall die nun im Kerngarn steckt ist genau die Drallmenge, die wir im letzten Single c) benötigt wird. Vielleicht hilft es auch erst nach dem Schlaufen spinnen den letzten Single zu spinnen.

boucle4 Aber jetzt zu den Schlaufen: sie entstehen durch das Zusammenschieben der wraps. Wird der Single b) auf das Kerngarn ausgesponnen, so gleitet b) locker durch die Finger. Es befindet sich als praktisch keine Spannung auf dem Single, so dass die Wraps locker auf dem Kern sitzen, fast ein bisschen wie beim geführten autowrapping. Will man eine Schlaufe, so greift man an der Stelle, wo beide Einelfäden aufeinander treffen  ein und schiebt den vordersten wrap exakt einen wrap-Abstand nach hinten. So entsteht eine Schlaufe, deren Drall genau so groß ist ist, dass ein schöner Kreis stabil entsteht, aber zu wenig  Länge vorhanden ist, dass die Schlaufe beginnt sich um sich selbst zu drehen und der Kreis kringelt sich zusammen. Genau genommen sitzt der Punkt, an dem sich der Kreis kringeln würde genau dort, wo die beiden wraps auf der Unterseite zusammen treffen. Diesen Punkt nenne ich Kreuzungspunkt.

boucle5Und hier liegt für mich das entscheidende Kriterium, das zu einem perfekten Bouclé führt: die Kreise sind und bleiben auch durch den letzten Schritt hindurch als runde Kreise bestehen. Es sollen keine Schlaufen entstehen, die sich um sich selbst drehen, weil sie zu groß geworden sind. Es sollen auch keine Kreise sein, die auf dem Garn aufsitzen. Ein Kreis soll das Kerngarn umschließen. Das bedeutet, der Kreuzungspunkt liegt unterhalb des Kerngarnes.

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Anders ausgedrückt: das Kerngarn liegt IM Kreis. Sitzt der Kreis auf, dann befindet sich das Kerngarn außerhalb des Kreises und der Kreuzungspunkt liegt AUF dem Kerngarn. Wie kann das passieren? In dem der Schlaufe VOR dem Aufspannen durch „Selbstverdrehung“ des Singles b) entsteht und dann erst auf das Kerngarn ausgesponnen wird. So entstehen auch mehrfach um sich selbst gedrehte Schlaufen. Trick der geschlossenen Kreise ist, dass sie durch das Zusammenschieben zweier Wraps entstehen.

Das Ganze klingt jetzt mega kompliziert, ist es aber eigentlich nicht. Es ist einfach Übung und im Prozess wird schnell sichtbar, was ich meine. Ein Youtube-Video, das ich mal gefunden habe, zeigt wie easy das alles aussieht, hat man mal den Dreh raus.

 

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Zuletzt bleibt noch das Fixieren der Schlaufen. Das ist der zweite Zwirnschritt. ab) wird mit c)  in Gegenrichtung beider Fäden verzwirnt und letztlich balanciert. Hier bleibt nur noch eine einzige Hürde: die runden Kreise müssen erhalten bleiben. Hält man jetzt den ab)-Strang mit etwas Spannung fest, drehen sich nicht nur die Fasern des Kerngarnes auf, sondern auch der Verbund von a) und b) löst sich. Damit fallen die Kreise wieder auseinander. Entweder es entstehen diese Schlaufen die aufsitzen, oder die Kreise werden zu drei großen Wellen. Beides soll nicht passieren. Deshalb lasst den ab)-Strang einfach locker durch die Finger gleiten. Haltet ihn nicht fest, führt ihn nur in einem leichten Winkel auf c). c) hingegen wird zwar kein echter Kern, aber der wird doch mit mit einem Tick mehr Spannung in Zwirnposition gehalten. Auch dieser Schritt ist eine Frage des Feelings. In meinem Bouclé, dass ich euch zeigen werde, sind genau hier einige Kreise wieder aufgebrochen. Das kann nach all der vielen Arbeit, die bereits in einem Garn steckt ziemlich frustrierend werden.

boucle7Warum mir diese Kreise so wichtig sind zeigt die letze Skizze: Sind die Kreise rund und in regelmäßigen kleinen Abständen, dann erhaltet ihr ein Strickbild, dass diese Mini-Löckchen oder Schüppchen aufweisen und idealerweise genau auf einer Masche sitzen. Sind die Kreise aber unterschiedlich groß oder sind es einfach oder mehrfach verdrehte Schlaufen, dann ist der Effekt mit diesen Schüppchen dahin. Dann gibt es einfach nur heterogene Schlaufen. Sicherlich hat das auch seinen Charme. Ein typisches Bouclé ist es aber nicht mehr. Und genau das mach diesen Garntyp so irre schwierig zu spinnen. Die Einzelfäden sollten zudem extrem gleichmäßig sein, damit der Drall berechenbar bleibt.

So, und nach dieser vielen Theorie noch einige Bilder wie es NICHT aussehen sollte:

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Versuch 1: Hier sind die wraps viel zu eng, dadurch wurde das Garn total überdreht (auf dem Bild wurden die Fäden festgehalten). Dann ist alles andere zu sehen, als runde Schlaufen. Es sind Knüppel, die von einem völlig überdrehten Single b) herrühren.

 

 

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Versuch 2: Hier wurde ein Merinosingle b) gesponnen und auf einem industrielles Konengarn ausgesponnen. Zunächst kamen kleine Kreise zustanden. Aber als ich den letzten Schritt mit wieder mit einem Konengarn zwirnte passte gar nichts mehr.

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Einmal verdrehten sich die Kreise zu mehrfach verdrehten Schlaufen. Und dann war das Garn völlig umbalanciert. Grund waren die nicht vorgedrehten Konengarne.  Die Rechnung: Drall in die eine Richtung in Schritt 2 und Drall in die andere Richtung in Schritt 3 zu Balance in der Summe, ging nicht auf.

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Grund sind die unterschiedlichen Mengen an Drall und die Dünne des Kernes, der einfach nicht genug Stabilität für den Single b), der wesentlich dicker als der Kern war, bot. Das Ergebnis was ein fehlender Verbund. Das Garn ist nicht nur umbalanciert, sondern auch der Verbund löst sich, da unterschiedliche Drallmengen wirksam sind und sich gegenseitig stören.

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Versuch 3:

Hier wurden handgesponnene Singles a) und b) verwendet. Alles passt bis es zum letzten Schritt kam. Ich versuchte im ersten Bild ein Konengarn, das nicht vorgedreht wurde. Das Ergebnis ist unbalanciert.

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Dann habe ich auch das Konengarn vorgedreht und im zweiten Bild sieht man ein FAST balanciertes Garn. Nur noch an manchen Stellen löst sich der Verbund. Hier fehlt es noch am letzten Feeling, ein bisschen Drall hier und ein bisschen weniger Spannung dort. Auch die Kreise haben sich hier noch nicht stabil in Form gehalten.

 

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Im letzten Versuch hat fast alles geklappt. Das Garn ist absolut balanciert. Die Spannungen passen an jeder Stelle und das Garn hängt in entspannten Bögen. Auch die Kreise haben sich fast überall in Form gehalten. Nur noch hier und dort musste die Spannung im letzten Zwirnschritt angepasst werden. Dort haben sich die Kreise einmal verdreht und AUF den Kern gelegt anstatt ihn zu umschließen (Bild links).

Zu guter Letzt noch die Bilder des geglückten Teils:

Das Garn besteht aus kartierten Gotlandlammlocken. Im Single b) wurden Sariseidenfasern in Blautönen und ein wenig weißes Ramie beigemischt. Fixiert wurde mit einem grauen Konengarn.

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Wie seht ihr das? Fachtermini in der Spinnerei

Hier eine Frage an alle Spinner und Stricker unter euch: Wie übersetzt ihr Fachbegriffe in der Spinnerei aus dem englischen? In vielen Fällen gibt es kein deutsches Äquivalent und ähnliche vorhandene deutsche Begriffe sind unpassend, da sie mit anderen technischen Eigenschaften verbunden sind. Beispiel: corespun yarn. Es ist ein balanciertes Singlegarn mit anderen Faserwinkel und natürlich einer anderen Konstruktion. Das deutsche „Dochtgarn“ ist unpassend, da es ein Singlegarn mit geringem Drall beschezeichnet. Selbst „Singlegarn“ findet keine passende deutsche Entsprechung, denn es gibt unterschiedliche Arten von Singlegarnen. Bisher verwende ich immer die englischen Termini, aber das ist doch auch doof, oder? Wie seht ihr das? Sollte man diese Begriffe übersetzten oder auf englisch lassen?

Ich habe hier mal meine bockigen Lieblinge aufgelistet, die immer wieder Kopfzerbrechen verursachen:

  • singleyarn = Dochtgarn (wenig Drall und unverzwirnt)
  • corespun yarn = kein Dochtgarn (balanciert, anderer Faserwinkel, Kernkonstruktion)
  • spiralplyed yarn = nicht einfach 2-fach verzwirnt, denn ein Faden hatte mehr Spannung bei Zwirnen als der andere und je nach gewünschten tpi auch einen anderen Winkel.
  • low-twist yarn
  • woolen yarn = Wollenes Garn? Gegensatz: worsted = glatt
  • tpi / twist per inch  = in cm umrechnen und dann übersetzten? Drehung pro cm?
  • wpi / wraps per inch = in cm umrechnen und dann übersetzten? Umwicklung pro cm?

Schreibt mir doch einfach eure Gedanken und auch eure Stolpersteine in die Kommentare.

Was findet ihr beim Lesen angenehmer: die englischen Begriffe, denn sie spiegeln ja auch die Entstehungsgeschichte der Techniken. „Bouclée“ oder „cabled“ haben wir ja auch so übernommen. Oder findet ihr es doof, beim lesen in deutsch über englische Begriffe zu stolpern, die das Lesen vielleicht etwas holprig machen? Und wenn ja, wie kann man diese übersetzten ohne die technischen Eigenschaften, die sie gleichzeitig im Begriff transportieren, zu verwässern.

Vielen lieben Dank für eure Meinung ❤

Leinen: spinnbare Pflanzenfaser

Neben der ganzen Spinnerei, recherchiere ich momentan viel zur Geschichte des Spinnens und dem Fasereinsatz.

Heute möchte ich meine Recherche zur Leinen zusammenfassen. Wenn ihr etwas hinzufügen oder berichtigen möchtet, dann fühlt euch frei beim Kommentieren :-).

Leinen:

Flachs_BB_02_KFlachs oder Leinen ist eine seit Jahrhunderten für die Textilherstellung genutzte Pflanzenfaser. Sie bietet neben Rohmaterial für die Garn und Tuchherstellung auch die Fasern für die Seilerei sowie die Samen als Nahrungsmittel und für die Ölherstellung.

Flachs_002Für die Spinnerei wird der Flachs aus der Bastfaser in den Pflanzenstängeln gewonnen. Der Prozess ist langwierig und kann nur einmal im Jahr erfolgen. Die Ernte erfolgt bei der Gelbreife. Dazu wird die Pflanze aus dem Boden gerissen (gerauft) und auf dem Boden ausgelegt und getrocknet. Dabei reißt die Epidermis und Mikroorganismen dringen in die Stängel ein. Diese sind für die Röste verantwortlich, welche die Faserbündel vom umgebenden Gewebe löst. Neben einer chemischen Röste gibt es zwei Arten der biologischen Röste, die Feldröste und die Wasserröste. Beide müssen zu einem bestimmten Zeitpunkt abgebrochen werden, um die Faserbündel nicht zu zersetzten. Nach erneutem Trockenen werden die Stängel geriffelt (Samenkapseln entfernen), gebrochen (hier entstehen die Schäben, kleine Holzstückchen) und geschwengelt (Entfernen der Schäben, unten rechts). Die Flachsfasern oder Langfasern sind nun vom Holz (Schäben) und kurzen Fasern (Schwungwerg oder Kurzfasern) getrennt. Jetzt folgt das Hecheln (Parallelisieren der Fasern) und die Fasern werden spinnbereit.Flachsstaengel

Der Spinnprozess gestaltet sich anders als der von anderen Fasern. Flachs wird mit Wasser oder Spucke verdreht um die einzelnen Faser zu bändigen und in die gewünschte Lage im Faden zu bringen, das Nassspinnen. Hier möchte ich auf die spinnenden Märchenfiguren hinweisen, die fast immer Flachs und nicht Wolle verspinnen.

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Bei den drei Spinnerinnen gibt es eine die das Rad tritt und einen großen Fuss hat. Eine andere hat einen großen Daumen, sie verdreht den Faden. Und es gibt eine dritte mit einer großen Lippe. Sie ist diejenige, die den Faden befeuchtet. Die Spinnerinnen verspinnen also Leinen. Auch die Spinnerin bei Rumpelstilzchen verspinnt Leinen. Denn das entstehende Gold ist nicht nur eine Metapher, sondern zeigt auch, dass es sich um Flachs handelt.

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Ist der Flachs von guter Qualität (gute klimatische Bedingungen und gute Röste), so wird der Flachs am Ende von hellblonder und glänzender Farbe sein, die im Licht wie Gold wirken kann.

Manchmal wird die Spinnfaser auch auf 70° erhitzt, das löst die Pektine der Fasern und sie lassen sich besser verziehen. Nach dem Spinnen wird der Faden auf der Spule auf 80° erhitzt und getrocknet. Ein Flachsgarn ist durch seine langen Fasern sehr glatt und reißfest.  Es schließt wenig Luft ein und ist bakteriozid, antistatisch und schmutzabweisend. Die geringe Elastizität mach den Stoff knitteranfällig. Leinen tauscht schnell Feuchtigkeit aus und daher wirkt feucht kühlend und warm wärmend. Es wurde für die Herstellung von Sommerkleidung eingesetzt. Flachs wurde in der Geschichte zu einem sehr feinen Garn versponnen, das danach für die Tuchweberei eingesetzt wurde. Das Garn für die Weberei musste von hoher Qualität sein, da sonst Unregelmäßigkeiten für eine schnellere Abnutzung durch Reibung sorgen. Seit dem 19. Jh. wurde der Flachs durch die Baumwolle vom Textilmarkt verdrängt. Heute ist er, wie der Hanf, eher ein Nischenprodukt für Allergiker und Ökoliebhaber.

Ein Diagramm (bitte Anklicken) der Hanfverabeitung, die der Leinenverarbeitung sehr ähnlich ist, zeigt den Ablauf der Arbeitsschritte.800px-09-12-14_Hanfverarbeitung_Hecheln

Gerauftes Leinen und Röste:flachs_gerauft_01

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Das Riffeln: 5c4d64a1176c07fbc418b30046ee22cb

 

Das Brechen: image_thumb.12018

 

Das Hecheln:DSC08420_(320_x_240)hist_Hechel_Buch_gr

Bildquellen:

Blühender Leinen

Verarbeitungsstufen

Flachszöpfe

Schäben

Die 3 Spinnerinnen

Arbeitsschritte

Geraufter Leinen und Röste

Riffeln

Brechen

Hecheln und Grafik

 

Demeter-Rolags zu verkaufen!

Für alle Spinner unter euch: ich habe meinen Ökofaservorrat geplündert und Rolags daraus kardiert. 

Es gibt deshalb im Moment 3 Packen Rolags aus naturbrauner Demeterwolle von Schafen, die auf einem Demeterhof in meiner Region gehalten werden. Diese und andere Fasern gibt es ab jetzt auch im Shop.

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Für diejenigen, die das Demtersiegel nicht kennen, eine ganz knappe Erklärung: Demeter ist eine internationale Bio-Marke und die älteste ökologische Landwirtschaftsmethode, die auf Rudolph Steiner und seine Anthroposophie zurück geht und seit den 1920er praktiziert wird. Ihre Richtlinien sind schärfer als die gesetzlichen EU-Richtlinien für den normalen biologischen Anbau und Tierhaltung. Einige Besonderheiten sind z.B. dass ein Demeterhof als ein Organismus betrachtet wird und einen geschlossenen Kreislauf bilden soll. Es wird im Rhythmus der Jahreszeiten und auch im Mondzyklus gewirtschaftet. Die Fruchtbarkeit der Böden wird durch Mineralien und Kräuterpräparaten und Kuhdung erhalten. Tiere werden besonders artgerecht gehalten,Kühe etwa werden nicht enthornt und es ist nur selbsterzeugtes oder von anderen Demeterhöfen erzeugtes Futter zugelassen. Zusätze wie Tiermehl, Hormone oder Antibiotika sind nicht zulässig.

Hier ein paar Links, einen zur Geschichte von Demeter , einen zur den Richtlinien und eine Kurzfassung.

Von solch einem Hof, auf dem ich die Tiere auch besichtigen kann, beziehe ich direkt diese Fasern in Naturfarben. Sie sind leicht kraus und haben verschiedene Längen. Sie liegen also nicht als Kammzug vor, sondern kardiert. Sie ergeben ein weiches Spinnergebnis, wenn sie auch dementsprechend versponnen werden. Das heißt mit dem langen oder mittleren Auszug. Verspinnt man sie wie glatte Fasern aus einem Kammzug mit dem kurzen Auszug, so kommt ein Garn heraus, das nicht glücklich machen wird, sondern unangenehm kratzt. Die Faservorbereitung zu Rolags eignet sich perfekt für den Auszug von wollenen Garn und kann direkt versponnen werden.

Ein Sorte Rolags ist gemischt mit Merinofasern in rot, rosa und pink (100 g).

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Die zweite Sorte ist gemischt mit Merinofasern in unterschiedlichen Blautönen (91 g).

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Und die dritte Sorte beinhaltet bunte Fasern aus recycelter indischer Sariseide (98 g).

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Ich verkaufe sie für 7,50 € / 50 g.

Die Rolags sind nicht alle gleich schwer, sondern variieren ein wenig. Wenn ihr also die Rolags unterteilen wollt, um für das Zwirnen später ungefähr gleich lange Fäden zu haben, dann achtet darauf, dass ein oder zwei Rolags ein wenig schwerer sind. Die anderen sind ein etwa ähnlich. Wer es ganz genau haben will, sollte alle Rolags einfach in der Mitte unterteilen, dann hat er exakt die Hälfte. Für das Spinnen macht es absolut keinen Unterschied, denn die Rolags sind ohnehin recht lang und es kann als angenehmer für das Spinnen empfunden werden, wenn sie kürzer sind.

Die letzte Sorte Rolags, die mit der Sariseide vermischt sind, habe ich vor einiger Zeit selbst versponnen und zu einer Mütze gestrickt. Und so sieht das Ergebnis aus:

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Kurzanleitung: „Worsted Joint“

Heute ist durch Zufall diese kleine Anleitung entstanden.worsted joint

Das ist eine meiner wichtigsten Techniken. Einmal bei traditionellen glatten Garnen, wenn der Faden reißt oder bei jeder Art von recht glatter bis „glitschiger“ Faser. Andererseits ist diese Technik ein „Muss“ beim Art Yarn-Spinnen. Sie wird beim Ansetzten neuer Farben, scharfen Farbgrenzen aber auch bei fast allen Arten von Cocoons, Loops und sonstigen Art Yarn-Texturen unbedingt gebraucht.

Vielleicht habt ihr Spaß damit:-)

Zwirn oder Single?

Der zweite Satz rolags wurde zum Garn. Rolags

Ich bin mir nicht sicher ob es ein Zwirngarn wurde oder nicht. Ein Zwirn ist ein Garn, das nach dem Spinnen in einem zweiten Arbeitsschritt verzwirnt wurde. So steht es in den Lehrbüchern.  Allerdings habe ich immer wieder zwischen zwirnen und wrapping gewechselt. Ich wusste gar nicht, dass es überhaupt möglich ist, einen Einzelfaden in die Gegenrichtung zu wrappen ohne, dass er reißt. Aber es ging. Wenn die wraps dann noch recht eng sitzen, dann reißt er auch nicht, wenn man an ihm zieht. Er ist stabil und im Aufbau von außen statt von innen gesichert.

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Dog Rose – medium draw beim corespinning

Im Moment ist bei mir corespinning ohne Ende angesagt.

Diesmal habe ich es mit anderen Fasern versucht. Normalerweise nehme ich glatte Fasern wie Merino, Milchfasern, und Angelina. Die Vliese lassen sich leicht ausziehen und die langen glatten Fasern legen sich leicht um den Core. Das Garn ist logischerweise sehr glatt und die unterschiedlichen Fasern kommen gut zur Geltung.

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Bei diesem Vlies habe ich hauptsächliche meine braune Demeterwolle benutzt. Sie ist ja etwas kraus und hat Fasern unterschiedlicher Länge im Ausgangsvlies. Eben kein Kammzug, sondern ein kardiertes Vlies, dass eigentlich für woolen oder semi-woolen yarns geeignet ist. Ich habe es im drumcarder mit ein paar pinken und hellgrünen Merinofasern, etwas handgefärbten Coburger Fuchs und Remie gemischt. Alles in allem immer noch nichts für ein glattes Garn.

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Das Vlies ist in Schichten mit den unterschiedlichen Farben aufgebaut und enthält keinen Farbverlauf. Damit alle Farben gleichmäßig im Garn auftauchen habe ich es in lange Längsstreifen geteilt. Im Querschnitt könnt ihr die farbigen Schichten sehen. Auf dem Bild liegen mehrere Streifen auf ihrer Seite hintereinander.

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Diese Streifen habe ich ausgezogen und wie Kardenbänder gewickelt.

Btw: was sagt man auf deutsch zu predrafting?

Dann ging es ans Spinnen. Ich hab etwas versucht, was eigentlich im ersten Moment absurd war. Ich habe versucht, trotz des corespinnings, mich wie beim Spinnen eines flauschiges Garn zu verhalten. Klar kann ich beim corespinning keinen echten langen Auszug machen. Aber ich kann sich die Fasern durch die Anhaftung am Kern und dessen Drehung selbst ausziehen und um ihn wickelt lassen. Dabei greife ich die Fasern wie beim medium draw weiter hinten und justiere sie nicht nach, wenn sie sich um den Kern wickeln. Und vor allem drücke ich sie nicht platt und damit die Luft hinaus.

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Es war ein spannender Prozess, der am Anfang erstmal gar nicht so gut klappte. Aber im Verlauf des Spinnens wurde er immer leichter und ich merkte, wie sich das Garn fast von alleine sponn. Die Schicht Fasern um den Kern wurde immer geringer, aber durch die Faserbeschaffenheit voluminöser. Das bedeutet für das Garn, dass es wirklich sehr viel leichter, weicher und richtig fluffig wurde. Es sind ja viel Luft und ein paar Fasern um den Kern.

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Was ich auch sehr spannend finde ist, dass ich das Garn schneller und mit geringeren Drall spinnen konnte. Es ist nun ein richtiges low-twist Garn geworden. Aber die Fasern liegen im Winkel eines corespun Garnes. Auf den Bildern sieht man den Unterschied zu einem glatten corespun vielleicht kaum. Ok, es sieht nicht so glatt aus 😉 Den Unterschied merkt man, so finde ich, erst beim Anfassen. Es ist leicht, fluffig und voller Luft. Das war eine echt faszinierende Reise. Ach ja, ab und zu sind noch ein paar autowrapps mit dem Kern dabei… Probierts aus!

Viererlei

Es ist die Zeit für Weihnachtsgeschenke und so wurde ein Polworthkammzug mit handgefärbten Verlauf zu viererlei Garn:

ein einfacher Single mit Farbverlauf,

ein tick `n´ thin mit Farbverlauf,

ein tick `n´ thin mit Farbverlauf und verzwirnt mit einem einfarbigen Merinofaden und zuletzt

ein zweifacher Zwirn mit zufälliger Farbkombination.

Bild

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Medium draw

51scSvnvatL._SL500_PIsitb-sticker-arrow-big,TopRight,35,-73_OU15_Ein neues Buch von Anne Field „Spinning wool: Beyond Basics“ motivierte mich, mich dem langen und dem mittleren Auszug zu stellen. Bisher habe ich nur mit den verschiedenen Arten des kurzen Auszugs gearbeitet. Das hat auch gut funktioniert, weil ich meist mit glatten und langen Fasern wie Merino, Angora, Seide und auch Pflanzenfasern wie Remi, Leinen oder Bambus gesponnen habe und worsted (glattes) Garn produziert habe. Ich habe aber auch Vliese mit grausen und kürzeren Fasern, so wie den Coburger Fuchs oder die Schurwolle vom Zollhof experimentiert. Diese Fasern mag ich sehr gerne, denn sie sind regional und Demeter zertifiziert. Leider wurden meine Garne aus diesen Fasern immer sehr hart und kratzig. Man konnte sie nur sehr schwer direkt auf der Haut tragen. Das Problem hierbei liegt am Auszug. Der kurze Auszug ist der falsche für diese Fasern.

Medium3Mit der braunen Schurwolle vom Zollhof habe ich zum ersten mal versucht ein semi-woolen Garn zu produzieren. Die Wolle war schon perfekt für diesen Auszug vorbereitet: in einem lockeren Vlies, in dem die Fasern verschiedener Längen, relativ gleich ausgerichtet liegen. Trotzdem habe ich es noch einmal kardiert, um wieder etwas meiner Sariseide unter zu mischen. Die Fasern der Seide mussten zuvor unbedingt gekürzt werden um eine ähnliche Länge wie die der Wollfasern zu haben. Danach habe ich das Vlies in rollags unterteilt, die ich dann nach und nach mit dem mittleren Auszug versponnen habe.

Der mittlere Auszug erschien mit für den Anfang leichter als der lange Auszug. Es ging mir darum, mich erst einmal an das andere Auszugsverhalten zu gewöhnen, denn es passierte ganz schön schnell, wenn die Konzentration nach lies, dass meine linke Hand zur der drafting zone wanderte und den kurzen Auszug machen wollte.

Beim Spinnen fiel mir auf, wie wichtig die Faservorbereitung war. Ich wunderte mich immer, wenn dieser Punkt in Büchern so unterstrichen wurde, denn beim kurzen Auszug kann man Schwächen der Faservorbereitung ganz gut kompensieren. Beim langen und mittleren Auszug hängt sie Ebenmäßigkeit des Fadens stark von der Gleichmäßigkeit ab, in der sich die Fasern aus dem rollag ziehen lassen. Und das hängt eben davon ab, wie gut das Vlies kardiert wurde.

Was wirklich ein Aha-Moment führte, ist der Unterschied zwischen dem langen und dem mittleren Auszug. Der kurze Auszug arbeitet in kleinen Schritten, bei denen die vordere Hand (bei mir die linke) sehr nahe an der drafting zone arbeitet und den gerade entstehende Faden zwischen die Finger gleiten lässt und damit die Luft zwischen den Fasern heraus drückt. Das gilt sowohl für den Auszug nach vornen als auch den nach hinten. Das Garn wird dadurch glatt, dicht und klar definiert. Der mittlere und der lange Auszug produziert sehr luftiges und warmes Garn, den es zielt darauf ab möglichst viel Luft zwischen den Fasern einzuschließen. Das geschieht indem keine Hand an der drafting zone arbeitet, sondern die vordere Hand nur den fertigen Faden beim Einzug unterstützt und hin und wieder den Auszug der Fasern aus dem rollag mit etwas Gegenzug fördert, wenn es mal nicht so flüssig läuft, wie es sollte. Doch dabei bleibt die Hand trotzdem vornen am Einzug. Die hintere Hand arbeitet sich beim Auszug immer weiter hinter zur Hüfte. Die Fasern werden alleine durch die Kraft des Einzugs und des twists ausgezogen. Da keine Hand den gerade entstehenden Faden glättet, bleibt die Luft zwischen den Fasern. Die Beschaffenheit der Fasern und die Vorbereitung zu rollags führt dazu, dass sich die Fasern leicht kraus und nicht völlig parallelisiert verdrehen. Dieser Faden ergibt verzwirnt ein unheimlich luftiges Garn.

Der Unterschied zwischen dem mittleren und dem langem Auszug ist nun die Handhabung der rollags. Die hintere Hand hält den rollag und reguliert nach und nach die Menge der Fasern, die aus dem rollag entzogen werden. Sie dosiert also etwas und bewegt sich, angepasst daran, langsam nach hinten. Beim langen Auszug dosiert die hintere Hand gleich vornen am Einzug die Menge der Fasern, die in einem Auszug verdreht werden sollen. Es wird eine größere Menge an twist aufgebaut und dann zieht die hintere Hand nach hinten und der twist verteilt sich und verdreht die definierte Menge an Fasern. Befindet sich die Hand hinten, ist der Faden noch unterdreht und während er durch weiteren twist weiter verdreht wird, wird die vordere Hand eingesetzt um den Faden zu egalisieren. Hat der Faden den twist erreicht, den er haben soll, wird er auf einmal auf die Spule entlassen. Das Egalisieren geschieht beim mittleren Auszug während dem Ausziehen und dem Dosieren der auszuziehen Fasern. Der gewünschte twist baut sich analog zur entstehenden Fadenlänge auf, während beim langen Auszug erst die Fadenlänge mit einer Grundmenge an twist entsteht und dann kommt der restliche twist beim Egalisieren dazu.

Laut Anne Field gibt es also diese Unterschiede:

kurzer Auszug (worsted):

  • es wird mit zwei Händen gearbeitet
  • die vordere Hand befindet sich direkt an der drafting zone und glättet den entstehenden Faden
  • es wird in kleinen Schritten ausgezogen und verdreht, dabei ist der vorwärts und der nach hinten gerichtete Auszug möglich.
  • es wird während dem Ausziehen egalisiert (°)
  • der twist wird in jedem Auszug/Fadenabschnitt bis zur gewünschten Menge aufgebaut
  • der Faden kann nach jedem einzelnen, aber auch erst mach mehreren Auszügen auf die Spule entlassen werden (°)
  • Fasereigenschaften und ihre Vorbereitung

mittlerer Auszug (semi-woolen): 

  • die vordere Hand unterstützt den Spinnprozess und befindet sich nicht an der drafting zone (*)
  • Fasern werden dosiert aus dem rollag entlassen
  • die hinter Hand umfasst das ganze rollag
  • die Fadenlänge entsteht langsam während dem Ausziehen
  • der twist baut sich entlang der Fadenlänge auf
  • das Egalisieren geschieht während dem Ausziehen (°)
  • der Faden kann nach jedem Auszug, aber nach mehreren Auszügen auf die Spule entlassen werden (°)
  • Fasereigenschaften und ihre Vorbereitung (*)

langer Auszug (woolen):

  • die vordere Hand unterstützt den Spinnprozess und befindet sich nicht an der drafting zone (*)
  • es wird eine vordefinierte Menge an Fasern während eines Auszugs versponnen
  • die hinter Hand greift dazu das rollag hinter dieser definierten Fasermenge und lässt keine weiteren Fasern ausziehen
  • vor dem Auszug wird durch treten twist aufgebaut
  • der Auzug erfolgt schnell nach hinten und der angestaute Twist verteilt sich auf die Länge und zieht dabei die Fasermenge in die Länge.
  • das Egalisieren erfolgt als zweiten Schritt, während der twist in der Fadenlänge die gewünschte Menge erreicht
  • der Faden wird nach jedem beendeten Auszug auf die Spule entlassen
  • Fasereigenschaften und ihre Vorbereitung (*)

(°) Gemeinsamkeit zwischen kurzem und mittleren Auszug

(*) Gemeinsamkeit zwischen mittlerem und langen Auszug

Diese Unterscheidung zeigt, dass nicht der äußere Eindruck eines langen Fadens, der während dem Spinnen bis zur Hüfte reichen kann, den langen Auszug charakterisiert. Denn das kann auch mit einem kurzen Auszug nach hinten erreicht werden. Sie zeigt viel mehr, dass eine klare technische Unterscheidung zwischen kurzen, mittleren und langen Auszug gibt. Das Resultat ist ein worsted Garn, ein semi-woolen und ein woolen Garn. Ich bin wirklich erstaunt über diese technischen Aspekte und ihre Abhängigkeit von der Faserbeschaffung und ihre Auswirkung auf ihre Vorbereitung und das Garnresultat. Noch nie habe die Entstehung eines Garnes in so einer Prozesskette gesehen, die von der Beschaffenheit der Faser ausgeht. Das war ein echtes AHA!

mediumUnd hier nun mein allererstes semi-woolen Garn. Und Ja, die Wolle, die zuvor in meinen Garnen fast untragbar war, ist weich, warm und zwar immer noch etwas kratzig, aber tragbar. Mit etwas Übung, kann vielleicht mal ein tragbares Stück daraus werden:-) Ich denke ich mache mich langsam auf den Weg zu wirklich kontrollierten und intendiertes Spinnen…